Rezension

Michele Bacci: The Many Faces of Christ. Portraying the Holy in the East and West, 300 to 1300, London: Reaktion Books 2014, 294 S., ISBN 978-1-78023-268-3, 40.00 GBP
Buchcover von The Many Faces of Christ
rezensiert von Susanna Blaser-Meier, Kunsthistorisches Institut, Universität Zürich

Mit dem Ende des Ikonoklasmus etablierte sich in Byzanz ein Bildtypus Christi, der für die Christus-Ikonographie bis heute prägend ist: mit heller Haut, langem, in der Mitte gescheiteltem Haar und kurzem Bart ist Christus derart im kollektiven Gedächtnis verankert, dass eine Abweichung davon zu einem ebenso kollektiven Aufschrei führt. So geschehen, nachdem in einer BBC-Prime-Serie 2001 eine auf Methoden der forensischen Anthropologie beruhende Rekonstruktion des historischen Jesus präsentiert wurde, die ihn mit kurzem dunklem Haar und Bart, buschigen Augenbrauen und dunklerem Teint zeigt. Mit dieser Anekdote leitet Michele Bacci seine breit angelegte Studie zur Christus-Physiognomik ein (7).

Doch worauf stützt sich eigentlich diese unverwechselbare Bildformel, wenn doch die Heiligen Schriften keinerlei Beschreibungen des Äusseren Christi überliefern? Wie lässt sich erklären, dass sich der Typus des langhaarigen Jesus durchgesetzt hat, obgleich Langhaarigkeit schon von Paulus selbst als für Männer unangemessen kritisiert wurde? Wo weder ein historisch überliefertes Porträt noch eine akkurate Beschreibung die Vorlagen für entsprechende Bildnisse liefern, entsteht Raum für die Konstruktion einer Physiognomie, die nicht nur den gängigen Vorstellungen von Schönheit und "Decorum" entspricht, sondern darüber hinaus mit Bedeutung aufgeladen wird (9). Vor dieser Prämisse spürt Bacci im vorliegenden Band den Mechanismen nach, die zur Bildwerdung des archetypischen Christusporträts beitrugen.

Der erste Teil widmet sich in sechs Kapiteln der Entstehung von Urbildern und ihrer Mythen in transkultureller Perspektive. Gleich im ersten Kapitel öffnet sich der Blick Richtung Osten (17-30). Die archetypischen Kultbilder im Buddhismus und Jainismus entstanden laut den überlieferten Legenden häufig auf königliche Bestellung. Die Autorität des Königs garantierte, meist in Verbindung mit der Augenzeugenschaft des Urhebers oder einer göttlichen Intervention des Dargestellten im Entstehungsprozess, die Authentizität der Urbilder (23).

Von den Acheiropoieta, den nicht von Menschenhand erschaffenen Bildern, sowie denjenigen Christus- und Marien-Ikonen, die dem Evangelisten Lukas als Maler zugeschrieben werden, handelt das zweite Kapitel (30-47). Sowohl die wundersamen Bilderscheinungen wie auch die als Körperabdrücke Christi verehrten Tücher verdanken ihre Autorität dem direkten Wirken Gottes. Eine andere Art der Authentizität garantiert die Urheberschaft durch den Evangelisten Lukas, der als Augenzeuge sowohl Christus als auch Maria gemalt haben soll.

Das nicht immer eindeutige Verhältnis dieser Bilder zu ihren Entstehungsmythen wird im anschließenden Kapitel thematisiert (47-58). Der Autor kann überzeugend aufzeigen, dass die Legendenbildung erst im 6. Jahrhundert einsetzte, um zu erklären, dass die Bilderverehrung (als mündlich tradierte Praxis) schon seit je her existierte sowie um die bereits seit dem 4. Jahrhundert existierenden Bilder zu rechtfertigen. Die Legenden zu den Kultbildern sollten belegen, dass die Bilderverehrung genuin schon immer gleichwertig neben der Schrift bestand. Dazu werden Augenzeugen wie Lukas als Maler ebenso hinzugezogen wie die von Christus persönlich autorisierten Acheiropoieta. Ähnliche Mechanismen der Bildwerdung liegen auch im Buddhismus und Jainismus vor, die sich wie das Christentum von ihren Vorgängerreligionen durch eine anfängliche Bilderfeindlichkeit unterscheiden. Um dem Vorwurf der Idolatrie zu entgehen, werden die Bilder durch Gott persönlich autorisiert.

Das vierte Kapitel befasst sich mit den irdischen Spuren und materiellen Hinterlassenschaften heiliger Personen (58-68). Erinnerungsorte und Reliquien werden aufgrund ihrer metonymischen Verknüpfung mit der Heiligen Person zu Objekten der Verehrung. Die beiden abschliessenden Kapitel dieses ersten Teiles beschäftigen sich mit der Frage, inwieweit das äussere Erscheinungsbild die Heiligkeit einer Person widerspiegelt. Anhand zahlreicher Textquellen zeigt Bacci auf, wie sowohl Physiognomik (69-83) als auch Anthroskopie (83-94), das Aufspüren versteckter besonderer Körpermerkmale, zu distinktiven Kriterien werden, um die Heiligkeit oder Transzendenz einer Person festzustellen. So waren die göttlichen Anteile des historische Buddha Sakyamuni eindeutig anhand von 32 einzigartigen Primär- und 80 Sekundärzeichen erkennbar, die auf Kultbildern abbildbar sind und deren Wiedererkennbarkeit garantieren (87).

Dass diese Identifikatoren für das Aussehen Christi fehlen, führt zu einer anfänglichen Ambiguität der Christusdarstellungen. Der Entstehung des kanonischen Christusbildes spürt Bacci im zweiten Teil seiner Studie in acht Kapiteln nach. Die Frage nach dem Aussehen Christi ist eng verknüpft mit der Frage, ob und wie Christus in seiner menschlichen Erscheinungsform überhaupt sicht- bzw. darstellbar ist. Der Ambivalenz zwischen irdischem, als hässlich beschriebenem Aussehen und spiritueller Schönheit im transfigurierten Erscheinungsbild sind die ersten beiden Kapitel gewidmet (97-116).

Das Hauptaugenmerk des zweiten Teils liegt auf der Bedeutung der Haartracht Christi. Zahlreiche Bildbeispiele illustrieren die beiden parallel existierenden Bildtypen Christi, die ihn entweder mit kurzem lockigem oder lang auf die Schultern fallendem Haar zeigen. Anhand der Münzbilder Justinians II. und der Fresken in der Panagia Drosiani-Kirche auf Naxos zeigt der Autor auf, wie die beiden Christustypen als visuelle Strategien zur Betonung der menschlichen bzw. göttlichen Natur Christi eingesetzt wurden (133). Mit einem Kapitel zu den literarischen Beschreibungen spürt Bacci einem möglichen Phantombild ("identikit") Christi nach (140-156). Daneben werden Schönheitskonzepte und die Hautfarbe Christi - zahlreiche Quellen beschreiben seinen Teint als von der Farbe reifen Weizens - ebenfalls mitberücksichtigt (157-173).

Im abschliessenden Kapitel zeigt Bacci auf, dass sowohl das Nicht-Schneiden der Haare wie auch die Kahlrasur in verschiedenen Kulturen als rituelle Handlungen verstanden werden, um Askese, Abkehr vom Irdischen und spirituelle Erhöhung zu demonstrieren (198-201). Im Judentum erfüllte der nasiräische Eid, wie ihn Samson und Samuel ablegten, eine vergleichbare Funktion. Tatsächlich werden die langen Haare Christi im mehrfach zitierten Lentulus-Brief als iuxta morem Nazaraeroum beschrieben (156, 214), und diese nasiräische Tradition spielte wohl eine wichtige Rolle in der Herausbildung des langhaarigen Christusbildes (219).

Baccis Untersuchung unterscheidet sich auf erfrischende Weise von traditionell ikonographischen Untersuchungen, die sich den Bildtypen Christi auf thematische Weise annähern. [1] Mit seinem vergleichenden Ansatz, der gleichartige Entstehungsmechanismen und Visualisierungsstrategien von Kultbildern in unterschiedlichen Kulturräumen berücksichtigt, gelingt es Bacci auf einzigartige Weise, für die mittelalterliche Kunstgeschichte einen gangbaren Weg zu einer globaleren Perspektive aufzuzeigen.

Man hätte sich anstelle des Epilogs, der den Zusammenhang zwischen nasiräischem Eid und der haarigen Rastafari-Kultur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts thematisiert, eine Synthese des zuvor ausgebreiteten Materials gewünscht. Insgesamt besticht der reich bebilderte Band durch die umfangreiche Sammlung an Bild- und Textquellen, anhand derer Bacci einen substantiellen Beitrag zur Frage nach dem authentischen Christusbild leistet.


Anmerkung:

[1] Erwähnenswert ist hier der fast gleichzeitig erschienene Band von Jean-Michel Spieser: Images du Christ. Des catacombes aux lendemains de l'iconoclasme (Titre courant; 57), Genf 2015, der die gleiche Zeitspanne abdeckt wie Bacci, sich inhaltlich jedoch an einer klassischen Aufteilung thematisch geprägter Bildtypen (der gute Hirte, Täufling, Wunderheiler, Traditio legis, thronender Christus) orientiert und die Physiognomie nur am Rande streift; mit den Acheiropoieta haben sich 2014 und 2015 zudem zwei Tagungen in Würzburg und Wien befasst; der beide Veranstaltungen umfassende gewichtige Tagungsband diskutiert das Christusbild auf traditionelle Weise in theologischer, historischer, philologischer, kunst- und textilhistorischer Perspektive, vgl. Karlheinz Dietz / Christian Hannick / Carolina Lutzka / Elisabeth Maier (Hgg.): Das Christusbild. Zu Herkunft und Entwicklung in Ost und West, Akten der Kongresse in Würzburg, 16.-18. Oktober 2014 und Wien, 17.-18. März 2015 (Das östliche Christentum, Neue Folge; Band 62), Würzburg 2016.


Susanna Blaser-Meier

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Susanna Blaser-Meier: Rezension von: Michele Bacci: The Many Faces of Christ. Portraying the Holy in the East and West, 300 to 1300, London: Reaktion Books 2014
in KUNSTFORM 18 (2017), Nr. 12,

Rezension von:

Susanna Blaser-Meier
Kunsthistorisches Institut, Universität Zürich

Redaktionelle Betreuung:

Ralf Lützelschwab