Rezension

Hermann Reemtsma Stiftung: (Hg.) Das Landhaus Baur von Christian F. Hansen in Altona. , München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2005,
Buchcover von Das Landhaus Baur von Christian F. Hansen in Altona
rezensiert von Klaus Jan Philipp, Institut für Architekturgeschichte, Universität Stuttgart

Im Jahr 2000 erwarb die Hermann Reemstma Stiftung in Hamburg das so genannte "Elbschlösschen" von Christian Fredrik Hansen in Nienstedten, einem der Hamburger Elbvororte, in denen der dänische Architekt seit 1796 eine große Reihe von Landhäusern und Villen für wohlhabende Altonaer und Hamburger Bürger baute. Das beim Erwerb zwar bereits unter Denkmalschutz stehende, jedoch arg heruntergekommene Haus wurde von der Herrmann Reemstma Stiftung als dauerhafter Sitz der Stiftungsverwaltung und als Repräsentationssitz für die neue Nutzung ertüchtigt und gewissenhaft restauriert. Der wahrscheinlich von Joseph Ramée angelegte Landschaftsgarten konnte teilweise rekonstruiert werden, sodass der kleine quadratische Bau nun wieder von der Elbchaussee aus zu sehen ist. Leider aber bleibt die Situation durch das aus dem späten 19. Jahrhundert stammende Gebäude der Elbschlösschen Brauerei, die zurzeit einen maßstabsprengenden Umbau durch ein bekanntes Hamburger Architekturbüro erfährt, und durch andere Neubauten des 20. Jahrhunderts gestört.

Im ersten Hauptbeitrag des Buches beschäftigt sich die dänische Architekturhistorikerin Hanne Raabyemagle mit dem Architekten, der Baugeschichte des Hauses, dem Bauherren, Johann Heinrich Baur, und seiner Familie sowie der Ausstattung. Der zweite Beitrag vom Architekten Alk Arwed Friedrichsen berichtet ausführlich über die Wiederherstellung des Landhauses. Ergänzende Beiträge der Innenarchitektin Anna B. Nicolas zum Interieur sowie der Gartenarchitekten Klaus Deckert und Werner Kruspe über die neue Gartengestaltung des Landhauses runden den sorgfältig gestalteten Band ab. Das Buch ist somit einerseits eine Baumonografie zum 1803 begonnenen Landhaus Baur, andererseits ein Restaurierungsbericht, der auf Schwierigkeiten und notwendige Kompromisse hinweist, um das Haus seiner neuen Bestimmung zuführen zu können. Da auf Anmerkungen und wissenschaftlichen Apparat verzichtet worden ist, erscheint das Buch zunächst als "coffee-table-book", was durch die Lektüre allerdings nicht bestätigt wird. Raabyemagle hat die Geschichte des Hauses und seines Bauherrn durch intensive Quellenforschung weit über das bislang bekannte hinaus erforscht und verankert den Bau im Werk des so produktiven Architekten Hansen. Dem Restaurierungsbericht Friedrichsens, der den vielleicht wichtigsten Part des Buches ausmacht, spürt man von Anfang bis Ende die Begeisterung an, die der Architekt für Hansen und dessen Art zu planen und praktisch zu bauen entwickelt hat. Da sich nur wenige Archivalien zum Bau erhalten haben, nahm die Befundsicherung und -untersuchung einen Hauptteil der Arbeit des Restaurators ein. Spektakulär Neues war da zwar nicht zu erwarten gewesen, aber allein schon die Entdeckung, dass Hansen für die zentrale Kuppel über der mittigen Rotunde eine Bohlendachkonstruktion verwandte, überrascht und zeigt, dass der Klassizist Hansen auch aktuellen bautechnischen Innovationen, wie sie in jenen Jahren vor allem in Paris und Wien praktiziert wurden, aufgeschlossen gegenüberstand.

Dies erweist sich auch bei anderen bau- und haustechnischen Details wie etwa den innen liegenden Fallrohren für die Regenentwässerung, bis hin zu den Sprossenfenstern. Hansen stand mit seinen Bauten auch in dieser Hinsicht auf der Höhe seiner Zeit, wie Friedrichsen an vielen Beispielen erläutert. Immer wieder gelingt es Friedrichsen vorbildlich vom Befund ausgehend, seine Maßnahmen zur Wiederherstellung, Rekonstruktion oder Ersatz zu begründen. Besonders gefordert war der Architekt bei der Rekonstruktion der fehlenden Treppen, bei denen er sich sowohl auf die erhaltenen Zeichnungen Hansens, auf glücklich erhaltene Befunde und auf vergleichbare Treppenanlagen in anderen, erhaltenen Bauten Hansen berufen konnte. Auch für die Rekonstruktion des Bodens der Rotunde bezog man sich auf einen Entwurf Hansens für den Gartentempel im Eutiner Schlosspark von 1792 und führte den Boden in einem Material aus, das sonst im Bau nicht vorkommt, um späteren Generationen zu vermitteln, dass es sich eben nicht um einen Boden der Zeit um 1800, sondern der Zeit um 2000 handelt.

Kontrovers diskutiert wurde die Farbfassung des Baues. Als sicher gilt der weiße Verputz des Außenbaus, bei dem nur die Sockel und die architektonische Gliederung farblich hervorgehoben sind. In der Rotunde konnten die Restauratoren zwei historische Farbgebungen freilegen: eine ockerfarbige und eine blassblaue Farbgebung der Wandflächen, von denen die Architekturelemente in chamois-weiß abgesetzt waren. Letztere entspricht dem landläufigen Bild klassizistischer Architektur, weshalb sie zunächst auch favorisiert wurde. Nachdem man aber festgestellt hatte, dass auch die in den Nischen der Rotunde aufgestellten gipsernen antiken Statuen ockerfarbig gefasst waren, entschied man sich schließlich dazu, die Rotunde einschließlich aller architektonischen Elemente einheitlich ockerfarbig zu färben. Der Eindruck ist nur auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig, denn es ergibt sich ein äußerst homogenes Bild der mit ihrer kassettierten Kuppel und dem Opaion das römische Pantheon alludierenden Rotunde. Da die Farbigkeit historischer Bauten lange Zeit kein zentrales Thema der Architekturgeschichte und der Denkmalpflege war, rächt sich dieses Manko heute bei dem Versuch, dem historischen Gebäude bei Restaurierungen in möglichst allen seinen Aspekten - und dazu gehört eben auch die Farbigkeit - gerecht zu werden.

Einer Urgroßtochter des Bauherrn, deren Lebenserinnerungen von Hanne Raabyemagle zitiert werden, erschien das Landhaus Baur von vorn "ungefähr so [...] wie die Schlosskirche von Kopenhagen", die auch von Hansen stammte. Diese unmittelbare Beobachtung eines jungen Mädchens hätte Raabymagle Gelegenheit geben können, darüber zu sinnieren, ob Hansen Profanes sakralisiert oder Sakrales profaniert. Das römische Pantheon, die Villen Palladios und seiner Nachfolger - nach dem in den letzten Jahren viel über Hansens Bauten geschrieben worden ist, bräuchten diese Vorbilder gar nicht mehr genannt zu werden. Interessanter wäre die Frage nach den spezifischen Interessen des Bauherrn und denen Hansens gewesen: Liegen diesen Profanisierungs- bzw. Sakralisierungstendenzen des Landhauses Baur Wünsche des Bauherrn zu Grunde? Oder ist es gerade ein Spezifikum der Architektur Hansens - und zugleich sein Erfolgsrezept - gleichsam einen dritten Weg zwischen Sakralem und Profanem gefunden zu haben? Gern hätte man in Raabyemagles Text mehr Reflexion über die gesellschaftlichen Bedingungen der Bauten Hansen in den Elbvororten Hamburg gefunden. So wird nur das bereits so oft wiederholte Bild von dem Stück Antike und dem sonnigen Italien aufgerufen, die an die Elbe geholt worden seien, um dem Repräsentationsanspruch des Bauherrn zu genügen.

 

 


Klaus Jan Philipp

zurück zu KUNSTFORM 7 (2006), Nr. 1

Empfohlene Zitierweise:

Klaus Jan Philipp: Rezension von: Hermann Reemtsma Stiftung: (Hg.) Das Landhaus Baur von Christian F. Hansen in Altona. , München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2005
in KUNSTFORM 7 (2006), Nr. 1,

Rezension von:

Klaus Jan Philipp
Institut für Architekturgeschichte, Universität Stuttgart

Redaktionelle Betreuung:

Stefanie Lieb