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ein Zufall! Wie fern muß ihr alle Kunst der leiblichen Verführung liegen, denn die leibliche Vereinigung, das weiß sie, ist in ihrem Alter entschei dender und zu ihren Ungunsten ent scheidend, ob ihrer Liebe Erwiderung geschenkt wird vom Geliebten! Im Urwesen einfach und eins gibt es viele Arten und Abwandlungen der Liebe. Das, was man die reine, die nackte Liebe nennt, ist immer ver bunden mit einem ihr fremden Gefühl, das auf ihr parasitiert, aber sie auch steigert, nährt, antreibt. Sie hat alle ihre Wurzeln in der Natur, die nackte Liebe, und keine in der Gesellschaft. Und auch keine Stütze und Hilfe in der Gesellschaft. Solche reine Liebe endet immer tragisch. Schopenhauer las in den Zeitungen die Tagesereignisse: der Selbstmord der Minderjährigen, die „nicht heiraten können", der Selbst mord der alten Frau, die Liebe nicht mehr zu halten vermag; daran begriff er die Tragödie des Lebens. Diese nackte Liebe hat keinen Platz in der Zivilisation, wo sie absurd ist, und selbst in der Natur, wo sie- an ihrer eignen Vernichtung arbeitet, hat sie einen Platz nur für eine ganz kurze Weile. So selten ist sie, daß man mei nen möchte, sie sei eine Chimäre der Dichter. Man möchte meinen, die Liebe kennen wir wie das Radium nur in der Bindung, die es mit seinen Kom positen eingeht: man nimmt es an, aber man hat es nie gesehn. Das parasitäre Gefühl kommt aus dem Gesellschaftlichen und es um schließt die Liebe wie eine Fassung den Stein im Ring, die ihm höhern Wert gibt. Mannigfaltig ist dieses sekundäre Gefühl: Interesse, soziale Konvenienz, Neugierde, Stolz, Ambi tion — wir kennen keine andere Liebe als solche. Illegitime Liebschaften unterscheiden sich nur geringfügig von den legitimen, deren Allüre sie sehr rasch annehmen, wie deren Manien, ja sogar deren Prärogativen. Es gibt keine romantischen Liebschaften, höch stens tragische Zwischenfälle. Die Liebe der alternden Frau steht zwischen den Grenzen: fast ist sie die nackte pure Liebe, aber bedroht von innen, bedroht von außen. Sie kann nicht im Gesellschaftlichen Wurzel fassen, denn die Gesellschaft ist grau sam gegen die Fünfzigjährige, die einen Zwanzigjährigen liebt. Die alte Lehrerin hat die rührende Sehnsucht, ein Kind aufzuziehen, zur Liebe gebracht. In das nichts als Mütterliche dieses Liebesverlangens drängten aber lebhafte Sinne des Kna ben, der schon ein Mann war, das andere, — und das arme Geschöpf er lag. Und kommt nun vor den Para graphen, bei dessen Fixierung man wohl nicht im geringsten an den so seltenen Fall der verführenden Megäre gedacht hat, sondern an den Schutz der Minderjährigen vor dem greisen haften Faun. Gewiß fällt unter diesen Paragraphen nicht die zärtliche Liebe der alternden Jungfrau zum geschlecht lich reifen Jungen. Wären die Frauen, die ein Wahl recht in die Politik gebracht hat, nicht so auf die Fußspuren der ihnen voraus stapfenden Männer fixiert, damit sie ja keine verfehlen, sie hätten Auf gaben genug, die ihr Geschlecht und damit die Menschheit betreffen. Sie