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schlechtes, sondern auch Ähnlichkeiten, die aus der Gleichheit geboren werden, die zu einem bestimmten Moment die Liebe zwischen Mann und Frau schafft. In dem Augenblick, wo die körperlichen Verschiedenheiten ihre höchste Be deutung bekommen, verlieren die see lischen Verschiedenheiten so sehr ihre Schärfe, daß sie den Verliebten sogar als Ähnlichkeiten erscheinen. Die Dichter, die von dieser Gleichheit der seelischen Qualitäten sprechen, sind viel weniger naiv, als die Psychologen glauben, die ihr Augenmerk immer nur auf den Gegensatz richten, der die Liebenden schon im Augenblicke der Liebe selber trenne. Die junge Liebende wird von diesem ihr neuen Mysterium durchschüttert — die alternde Frau weiß darum, und mit Zartheit und Zagheit wird sie, kommt die Liebe noch einmal über sie, den Sturm ihrer Gefühle erleiden, wissend um das immer Vergebliche und doch die Kraft zum Verzicht nicht auf bringend. Nicht an die megärische Alte denke ich, sondern an die Frau, deren Herz nicht vertrocknet und jung wie das eines Mädchens geblieben ist, wie wohl das Herz dieser armen guten Lehrerin. Die Keuschheit, welch viel mißbrauchtes W ort! Auf die Liebe angewandt ver liert es allen Sinn oder bekommt einen ganz konventionellen. Es ist ein Epi theton, das der Sprachgebrauch gern solchen Hauptwörtern w\e Braut oder junges Mädchen verbindet. Natürlich heißt’s immer „die keusche Braut“ in der Literatur, und zwar in der ge schmacklosen. Wenn eine Frau mit dem Haupt auf der Schulter ihres Ge liebten schlummert, ist sie natürlich immer keusch; aber wäre sie es, wenn sie während der Manifestationen der Liebe daran gedacht hätte, keusch zu sein? Keuschheit in der Liebe ist eine Art Geiz undEgoismus. Meist zieht man sich von der Welt nicht zu zweit zurück, um keusch zu sein. Aber die Liebe ist immer keusch, was auch immer ihre Gesten sind. Und alle Gesten sind immer unkeusch, wenn sie von der Liebe nicht veranlaßt werden. Die Liebe erst gibt den Gesten, die sie her vorruft, die irisierende Kraft, die sie nicht besitzen, wenn nichts als ein physischesBedürfnis Befriedigung sucht. Wie gut, wie sehr fühlt das, weiß das die alternde Frau! Als wie nötig emp findet sie es, ihre Liebe zu steigern, hin reißend sein zu lassen, damit sie die Kraft bekomme, den Gesten, die ein fast schon verfallender Leib ausführt, jenen Glanz und Zauber zu geben, der sie adelt und aus dem Gemeinen der Begierde hebt! Eine Tatsache ist den Menschen in ihrem Liebesieben zum Glücke: daß die Schönheit des Leibes nicht die einzige Ursache der Liebe ist, weder für den Mann noch für viele Frauen. Alle Gaben können diese eine Gabe ersetzen. Desdemona liebt den Mohren und liebt ihn noch sterbend von seinen Händen. Die Liebe haucht wie der Geist wohin sie will, aber wo ihr Hauch berührt hat, da sucht sie sich leiblich zu verwirk lichen, denn die Anziehung ist physisch und das heißt leiblich. Wie muß die alternde Frau zwiefach zittern, in Sehnsucht und in Angst, vor diesem natürlichen Ziel der Liebe, das sich' den jungen Menschen ergibt wie