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Natascha sah die geliebte Schwester in Tränen auf gelöst und wußte, daß ihr das Herz brach, weil sie zu Hause bleiben sollte. ' „Weine nicht so, mein Täubchen ... ich werde Vater bitten, daß er dich auch mitnimmt. Ich wünschte, du könntest statt meiner gehen. Davon bist du hoffentlich überzeugt, nicht wahr?“ Maria Ivanovna sah sie zwar immer noch neid erfüllt an, hauchte aber doch ein leises „Ja“. Natascha hatte alle Chancen im Leben, und sie, nur weil sie ein Jahr jünger war, hatte keine. Es war einfach grausam, bitter unrecht. Sie schluchzte erneut herz zerbrechend. Natascha konnte es nicht ertragen. „Beruhige dich doch, mein Täubchen, ich ver spreche dir, daß ich auch zu Hause bleiben werde, wenn du nicht mitkommen darfst. Bist du nun zu frieden?“ „Du . . . würdest . . . dann . . . auch nicht ... ge hen?“ stieß Maria Ivanovna hervor, schon etwas be sänftigter, aber immer noch mit Tränen in den Augen. Natascha wagte eine Attacke auf den Vater. Sie fürchtete diesen großen dunklen Mann. Sie hatte ihn nie so recht in ihr Herz geschlossen. Sie hatte mit der Zeit erkannt, daß er ihre Mutter nicht so behandelte, wie er es ihrem Empfinden nach hätte tun sollen. Sie konnte nicht eigentlich sagen, was ihr nicht zu stimmen schien, aber sie konnte sich auf ihr Gefühl verlassen. Sie hatte die Empfindung, daß er irgendwie unfair zu ihr war . . . wieso . . . konnte sie sich selbst nicht erklären. „Papa, ich kann einfach nicht ohne Maria Ivanovna auf den Hofball gehen. Sie ist mir so ans Herz ge wachsen, und sie empfindet es so bitter, daß sie zu Hause bleiben soll, daß ich es nicht über mich ge winne, sie allein zu lassen. Bitte, nimm sie doch auch mit.“ Ivan Nikolajewitsch Yogoumiroff runzelte die Stirn. Die bestimmte Haltung Nataschas erregte sein Mißfallen. Er war gewöhnt, daß man sich seinen An ordnungen glatt fügte, daß man an ihnen nicht rüttelte. Tatjana hatte ihn maßlos verwöhnt. Sie hatte sich ihm immer gern und willig in allen Dingen untergeordnet. Dieses entschlossene junge Mädchen, das mit blassem Gesicht und flammenden Augen hoch auf gerichtet vor ihm stand, war eine Überraschung für ihn. Das schimmernde weiße Abendkleid brachte ihre lieblichen Formen voll zur Geltung. War dies Tatjanas Tochter? Es schien unglaublich. Nein, nein . . . dies war seine Tochter, Geist von seinem Geist, sie hatte nichts von ihrer Mutter. Seine Augen ruhten jetzt voller Stolz auf ihr. Sie hatte also einen eigenen Willen, dieses junge Mädchen. Er erkannte ihre innere Zugehörigkeit zu seiner Art, die eigene Ansprüche geltend machen durfte und auch durchsetzte. Er sah sie prüfend an. Er wußte, daß er sie nicht würde umstimmen können. Um ihr aber seine Au torität zu zeigen, konnte er sich doch nicht versagen, erst einmal einzuwerfen: „Mein kleines Fräulein, vergiß bitte nicht, daß du nicht zum Hofball gehst, weil du dies wünschst. Du wirst gehen, weil ich dies so anordne. Es spielt dabei gar keine Rolle, ob dir dies Spaß macht oder nicht. Leider bin ich nur ein schwacher Mann und kann solch schönem Mädel nicht widerstehen. Du sollst also deinen Willen haben. Maria Ivanovna darf mitgehen. Aber sie wird sich jetzt mit irgendeinem Ballkleid zufriedengeben müssen, es ist zu spät, etwas extra für sie anfertigen zu lassen. Eigentlich ist sie ja wirklich noch zu jung . . aber du bist so reizend, daß ich dir nichts abschlagen kann.“ Maria Ivanovna schlang ihre Arme um Nataschas Nacken. „Du bist ein Engel, Nadja!“ So kam Maria Ivanovna zu ihrem ersten Hofball. Natascha warf ihr verschiedentlich erstaunte Blicke zu. Die Kleine amüsierte sich königlich, flirtete, lachte und tanzte unermüdlich. Natascha wunderte sich, warum ihr selbst dies nicht gelang. Die Männer bedeuteten ihr nichts. Sie fand den ganzen Ball formell und steif. Es behagte ihr nicht, daß fremde Männer sie während des Tanzes in ihre Arme schlos sen. Der Champagner verursachte ihr Kopfschmerzen. Die bewundernden Blicke der Männer und Frauen berührten und interessierten sie nicht im geringsten. Sie war sich ihrer Schönheit nicht bewußt. Sie verstand jetzt, daß ihre geliebte Mamuschka sich von solchen Festlichkeiten fern hielt. Sie hielt ihre Mutter für schöner als alle Frauen, die sie hier zu Gesicht bekam. Es war ihr unverständ lich, wie ihr Vater der Gattin des spanischen Ge sandten so den Hof machen konnte. Stimmte irgend etwas bei ihr nicht? Warum konnte sie sich nicht auch ihres Lebens freuen? Es war doch wirklich ein großes Ereignis. Es war ihr erster Hofball. Millionen junger Mädchen in Rußland, ja wohl in der ganzen weiten Welt hätten wohl gern mit ihr getauscht. Sie zog den idyllischen Park in Zarskoje Selo vor, die weiten grünen Rasenflächen, die bizarr geformten Bäume, den kleinen See, der ihr Gesicht so klar widerspiegelte. Sie fühlte plötzlich, wie Maria Ivanovna ihr entglitt, daß ein völlig neues Leben für sie begonnen hatte. Kleine Maria Ivanovna . . . Wie silbern sie lachte . . . wie sie sich in der Ge sellschaft des blasierten Leutnants wohl zu fühlen schien! Natascha blickte sich mit großen Augen um. Der Kavalier an ihrer Seite war groß und schön. Seine Uniform verriet seinen hohen militärischen Rang. Natascha sah, wie er seine Blicke im Saal um herschweifen ließ. Er lächelte häufig Bekannten zu. Sie erinnerte sich seines Namens. Er war als Don Juan bekannt. Es war ihr mancherlei über ihn zu Ohren gekommen, über seine Erfolge bei Damen. Seltsam, daß sie selbst sich gar nichts aus ihm machte. Wie würde sie sich wohl verhalten, wenn er plötzlich versucht, sie in seine Arme zu schließen? Ein physisches Unbehagen stieg in ihr hoch . . . Sie fühlte sich plötzlich so verloren, so todeseinsam in dem großen, strahlenden Ballsaal unter hunderten von weißen, juwelenbedeckten Schultern, hunderten strahlender, pompöser Uniformen. Sie hatte Heim-