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Auf einem Bauernhof saß am Abend das Gesinde zusammen, und man erzählte Ge spenstergeschichten. Eine der Mägde be hauptete, überhaupt keine Furcht zu kennen. Sie werde zum Beweise jetzt nachts auf den Friedhof gehen und zum Zeichen, daß sie dort gewesen, werde sie eine Mistgabel in ein bestimmtes Grab stechen. Sie ging, aber vergeblich wartete man auf ihre Rückkehr. Man fand sie tot auf einem Grabe liegen. Sie hatte, als sie die Mistgabel in den Hügel stechen wollte, ihr Kleid mit durchstochen. Und als sie gehen wollte, glaubte sie, eine unsichtbare Hand hielte sie plötzlich fest — vor Schreck starb sie. Sehr bedeutungsvoll ist die Massensuggestion die die Masse viel entscheidender beherrscht, als dies Vernunft und Überlegung fertig bekämen. Als ,,Die Leiden des jungen Werther“ ihren Siegeszug als Buch an traten, entfesselten sie einen Sturm von Weltschmerz. Man vergoß Tränen über das Schicksal des Helden, man suchte wie er zu denken und sich zu kleiden, ja, auch so zu sterben wie er. Der Selbstmord aus Liebe wurde zur Epidemie. Die suggestive Wirkung solcher Schlagworte kann bis zur geistigen Massenerkrankung führen. Derar tige auf psychischer Ansteckung beruhende Epidemien sind im Laufe der Jahrtausende mehrfach aufgetreten. Eine der schlimmsten geistigen Epidemien war das Flagellan tentum im 13. und 14. Jahrhundert. Scharen von Geißlern zogen, bis zum Gürtel nackt, sich bis aufs Blut peitschend, von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt, nament lich seit der „Schwarze Tod” 1348 seine furchtbare Ernte hielt. Von Italien aus ver breitete sich die Geißelwut über ganz Deutschland, Holland, Belgien, England, Schweden, die Schweiz und Frankreich. Auch brach im Mittelalter stets eine wilde Panik aus, wenn ein hergelaufener Prophet den Weltuntergang verkündete. Wie viele harmlose Menschen brachte das berüchtigte Pamphlet „Der Hexenhammer" auf den Scheiterhaufen. Die Idee der Kreuzzüge veranlaßte jenen schrecklichen Kinderkreuz zug im Jahre 1212, bei dem 30 000 Kinder ums Leben gekommen sein sollen. Eine der interessantesten Epidemien war die „Tulpenmani e“, die im Jahre 1634 in Holland um sich griff. Sie zeigt uns, welch unglaubliches Maß von Verblendung die Gewinnsucht bei einem sonst nüchternen Volke zu verursachen vermag. Um die ge nannte Zeit stieg der Preis für Tulpen, und alle Kreise der Bevölkerung befaßten sich mit der Zucht und dem Handel von Tulpen. Man verkaufte Häuser und alle Habselig keiten, nur um nicht zu spät zu kommen und um mitzuverdienen. Natürlich wurde alles übrige vernachlässigt. Eine ähnliche Speku lationsmanie löste der Bau des Panama, k a n a 1 s aus, der mit einem ungeheuren Skandal in Frankreich endete, wobei Un zählige ihr Geld verloren. Alle Modetorheiten, ja, die Mode selbst, beruhen auf Massensuggestion, so daß ein Zorniger zu dem Ausspruch kam: „Wo's Mode ist, trägt einer den Kuhschwanz als Halsband.” Ein harmloses Beispiel von Massen suggestion aus letzter Zeit war das so genannte „Nachtgespenst", das vor einigen Monaten in Berlin manches leicht suggestible Gemüt ängstigte. In vielen Fällen war die Vorstellung so stark, daß von einem nächtlichen Besuche des Nachtgespenstes gesprochen wurde, wo ein solcher gar nicht stattgefunden hatte. Ein junges Mädchen, dem nachts die Bettdecke herabgefallen war und das morgens frierend erwachte, gab statt ihrem unruhigen Schlaf und ihrer Einbil dungskraft natürlich dem Nachtgespenst die Schuld, das sich später als ein Einbrecher entpuppte, der für verkäufliche Wertsachen gewiß mehr Interesse hatte als für noch so hübsche Mädchenbeine. Diese ansteckenden, wie Lawinen anwach senden Suggestionen zeigen die eigentliche Gefahrenquelle: die Neigung zur persön lichen Verantwortungslosigkeit und die Ver nachlässigung der kritischen Urteilskraft! Darum muß man die geheimen Mächte der menschlichen Seele kennen, um sie zu be herrschen. Sonst geht es uns wie jenem Zauberlehrling, der die Geister, die er ge rufen hatte, nicht mehr loswurde. Nur eine bewußte, planmäßige und sinnvolle Suggestion kann nützlich sein. Denn wie in dem oben angeführten Beispiel mit dem Brett zwischen zwei Häusern, wo die Suggestion der Gefahr uns förmlich in den Abgrund zieht, ist es auch im Leben. Eine vernünftige Auto suggestion als leitende Idee, die uns das innere Gefühl der Sicherheit, Widerstands kraft und des Lebensmutes gibt, vermag uns auch über jene gewaltige Brücke zu führen, die das Leben von der Geburt bis zum Tode als unser Schicksal gespannt hat. 802