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kungen erzielen konnte wie jener. Dem Stein zeichner nun war ein leichtbewegliches, das Ma lerische fördernde Gerät in die Hand gegeben worden, und so läßt sich leicht verstehen, wie damitauch die Schriftformen eine Umgestaltung ins Malerische erfuhren. Auf diese Weise sind z. B. auch die Schreibschriften nach englischem Vorbild in die Typographie eingeführt worden: denn den gleichförmig-geschwungenen Fluß der auf der Verwendung der Stahlfeder beruhenden englischen Schreibweise konnte der Lithograph leicht nachahmen. Auch können wir uns leicht vor stellen, welche Veränderungen an den über lieferten Schriftformen er vornehmen konnte und sollte, und wenn uns auf diesemWege auch dieGattung der Steinschriften geschenkt wurde, so riß andererseits doch eine solche Verwilde rung in den Antiqua- und Frakturschriftformen ein, an denen das ganze 19. Jahrhundert kran ken sollte. Selbst so große Künstler wie Menzel haben in ihren Adressen und Urkunden der willkürlich-malerischenUmgestaltung des Buch stabenbildes gehuldigt. Und noch am Ende des Jahrhunderts finden wir in der führenden norddeutschen Kunstzeitschrift im „Pan“ (1895 ff.) von namhaften Künstlern wie L. v. Hof mann, Georg Lührig, Otto Eckmann u. a. als Steinzeichnungen ausgeführte Gedichtsseiten, natürlich mit Einfassungen und figürlichem Schmuck versehen, bei denen einfache Stein schriftformen bevorzugt sind, aber doch jede Schriftkultur vermißt wird, und womit die Her ausgeber der Zeitschrift recht geringes Ver ständnis für Schrift- und typographische Fragen gezeigt haben. Ganz von den Anschauungen dieser Zeit, in der das dekorative Element in der Kunst vorherrschte, geht auch einer der führen den Schrifterneuerer, Rudolf von Larisch, aus: man darf sich daher nicht wundern, daß seinen Schriftvorschlägen groteske Bildungen zu grunde liegen. Dennoch darf nicht geleugnet werden, daß, wenn die Lithographie der Schriftkunst nicht zum Segen war, sie doch, vor allem durch das Plakatwesen, dem Gebiet der Reklameschriften fruchtbringende Anregungen gab und wohl im mer wieder geben wird. Das gleiche gilt von der Arbeit cler Gebrauchsgraphiker: auch ihre an regende Tätigkeit muß anerkannt werden. Die Reklame und die Künstler, die für sie tätig sind, die Gebrauchsgraphiker, haben ganz ge wiß auch auf die künstlerische Gestaltung des Buchstabenbildes nützlichen Einfluß ausgeübt. Sie haben das Schriftbild nicht nur hinsichtlich der Werbewirkung, sondern auch ästhetisch um gestaltet, und die von ihnen verwandten Schrift bilder, sowohl der Grotesk, der Antiqua, der Kursiv wie der Fraktur und der gotischen Sehriftformen, zeigen Umgestaltungen, die von Dauer zu sein versprechen. Je nachdem, welches Mittel sie verwandt haben, zeigen diese Schrift bilder bald den Duktus des mit der Feder Schreibenden, bald den des mit dem Pinsel oder mit dem Stift Arbeitenden. So sehr durch diese Tätigkeit Schriftgießer und Buchdrucker man chen Verlust an Aufträgen erlitten, denn viele ihrer Arbeiten werden heute auch schon im Off set- und anderen Druckverfahren ausgeführt, so kann man doch nicht verkennen, daß ihre Rück wirkung auch für die Schriftschneider und Schriftgießer vorteilhaft gewesen ist, diese müs sen sich eben rühren, wenn sie wettbewerbs fähig bleiben wollen. Schon im 18. Jahrhundert hat ein Zweig der graphischen Künste einen ähnlichen Einfluß auf die Buchdrucker- und Schriftschneidekunst ausgeübt, wie wir es eben von den modernsten graphischen Techniken und denen, die für sie schaffen, gesehen haben, und zwar ist dies der Kupferstich gewesen. Schreibmeister und Kup ferstecher wetteiferten in diesem Jahrhundert miteinander in der Ausführung von Titeln, Adressen und Diplomen, die sie sehr stark ver ziert und mit Zügen, Schwüngen und kompli zierten Einfassungen versehen haben. Die An strengungen des Buchdruckers, etwas Ähnliches zu leisten, waren anfangs sehr zaghafte. In erster Linie verwendete er als Ziermaterial die bekannten „Rösgen“, die bequem zu belebten Einfassungen zusammenzusetzen waren. Zu seinem Glücke setzte gegen Ende des 18. Jahr hunderts, durch Lessing und Winckelmann be fördert, eine Bewegung zur Einfachheit hin ein („zur edlen Einfalt und stillen Größe“ der An tike, wie das Wort Winckelmanns lautete). Erst gegen die Mitte des 19. Jahrhunderts hin wurde dann der Buchdrucker genötigt, ernsthafter auf diesen Wettbewerb des Kupfer-Stechers und Druckers sein Augenmerk zu richten. Man be achte etwa, wie Musiknotentitel vom Kupfer stecher ausgeführt wurden, und wie daneben die Titel des Buchdruckers wirkten. Der Ver gleich mußte bei dem Geschmack des damaligen deutschen Publikums zu Ungunsten des Buch drucks ausfallen. Der Buchdrucker suchte sich, nicht nur durch Schaffung von Ornamenten, 23