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bald die Romantiker gekommen, so wäre ge wiß schon im Anfang des 18. Jalirunderts die Fraktur fast ganz verdrängt worden. Eine eigentliche Wiederbelebung unserer deutschen Druckschriften: Schwabacher, Fraktur und Kanzlei, erfolgte alier erst in den achtziger Jah ren, als eine neue Welle über die deutschen Länder hinging, die das Kulturgut der deut schen Renaissance dem deutschen Volke wieder nahezubringen versuchten. Im Vergleich zu den Leistungen des 15. und 16. Jahrhunderts können alle die Bestrebungen des 19. Jahrhun derts als schwächliche Versuche angesehen wer den, fehlte doch der Zeit die notwendige Grund lage: die Pflege der Handschrift. Ohne die deut sche Kurrentschrift, wie sie im 15. und 16. Jahr hundert geschrieben wurde, wären niemals die Druckschriften Schwabacher, Fraktur und Kanzlei entstanden. Gerade im 19. Jahrhundert mußte diese deutsche Kurrentschrift unter gehen. Es entstand damals jene charakterlose nach englischen Vorbildern ausgeklügelte Hand schrift, wie sie noch im Anfang des 20. Jahr hunderts in Schulen gelehrt wurde, und wie sie leider auch heute noch gelehrt wird. So wurde der natürliche Zusammenhang zwischen deut scher Hand- und deutscher Druckschrift zer rissen. Statt ihrer drängten sich in das deutsche Druckwesen fremde Formen ein, die aus Frankreich und England kamen, die ganze Schar der Abwandlungen der Antiqua: die Egyptienne, Athenienne, Etienne usw. Auf diese Weise wurden auch die Schreibschrif ten in das Druckgewerbe eingeführt und die Stempelschneider hatten viel zu tun. Dem gu ten Buche freilich war dies Treiben nicht von Nutzen. Es bildete sich damals jenes Merkantil druckwesen heran, das für die Gegenwart von so enormer wirtschaftlicher Bedeutung ist. Heute wirkt das Reklamewesen so stark auf die Tätigkeit der Schriftschneider ein, daß ein großer Teil aller Neuschnitte auf Werbewir kung abgestimmt ist. Gegenwärtig stehen die Steinschriften in höchster Gunst bei einem Teil deutscher Leser. Sie sind die einfachsten, sind reiz- um nicht zu sagen charakterlose Schriftgebilde — dies ist vielleicht der Grund ihrer Beliebtheit bei jenem Teil des Volkes, der in der Druckschrift weiter nichts sieht als Zeichen zur Vermittlung von Wörtern und Gedanken. Sie sind cler Ausgangs punkt aller europäischen Schrift und der Aus druck einer primitiven Kultur. Sie mögen ge eignet sein, dem Unkundigen die ersten Be griffe von Schrift überhaupt zu vermitteln, ja wir wollen es begrüßen, daß sie in den Kinder fibeln zuerst gezeigt werden; man mag sie auch sonst anwenden, wenn es gilt, rein sachlich nüch terne Mitteilungen über Preise und dgl. zu machen, aber schon jede vornehmere Werbe drucksache wird von ihrer Verwendung ab- sehen. Wenn deutsche Ingenieure die Verwen dung von Steinschriften empfehlen, so kann man das wohl aus dem Grunde verstehen, daß sie bei Beschriftung ihrer Konstruktionsblätter am schnellsten, einfachsten und saubersten eine solche Schrift, die mit der gleichen Feder, wie die Zeichnung angefertigt wurde, geschrieben werden kann, hervorzubringen vermögen. Das rechtfertigt aber noch nicht ihre Empfehlung als Druckschrift, auch nicht die Herausarbei tung einer Normschrift, die ausschließlich in der Verbindung mitVeröffentlichung konstruktiver Zeichnungen verwendet werden soll. Schrift war nichts, ist nichts und wird nichts sein, was genormt werden kann; man kann wohl die For mate von Papier normen, aber nicht die Quali täten. So sind die Druckschriftgrößen seit dem 17. Jahrhundert genormt, aber nicht die Schrift bilder. Daß diese Bewegung gerade von radi kalen Revolutionären besonders gefördert wird, von der staatlich bolschewistischen Typogra phie in Rußland, vom Bauhaus in Dessau, von Kurt Schwitters mit seiner Systemschrift, von Paul Renner und anderen Radikalinskis, sollte alle ruhig Urteilenden dagegen skeptisch machen. Äußerst lehrreich ist es, sich vor Augen zu halten, daß man in den Sehriflproben der deutschen Schriftgießer und Buchdrucker Stein schriften vor 1850 überhaupt nicht und danach zunächst sehr spärlich findet, es sind also Jahr hunderte ohne diese Schriftgattung ausgekom men — und hat etwa die Buchkunst dabei Man gel gelitten? In erster Linie war es der Wettbe werb mit dem Steindrntker und Lithographen, der die Typographen zu ihrer Umstellung im Schriftgeschmack zwang: durch die Erfindung Senefelders war ein ganz neuer Zweig des Druck gewerbes entstanden, der einen heftigen Ein bruch in das Gebiet des Buchdruckers vornahm. Dieser mußte die größten Anstrengungen ma chen, um sich nicht verdrängen zu lassen, er mußte sich clem Geschmack des Steindruckers sogar anpassen, er mußte sich vom Schriftgießer Typen liefern lassen, mit denen er gleiche Wir- 22