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MARTIN BERADT, Der deutsche Richter. Rüttcn & Loening Verlag, Frankfurt a. M. Der Umschlag muß als ungelungen bezeichnet werden. Das Buch ist ausgezeichnet. Der Umschlag stellt dar einen Mann in Toga und Barett. An Stelle eines Gesichtes hat er einen weißen Fleck. Das soll heißen: der deutsche Richter hat keine eigene Physiognomie, er ist ein vertretbares Wesen, man kann einen deutschen Richter gegen den ändern austauschen. Dies sagt der Text des schönen Buches von Beradt nicht. Da übertreibt der Umschlag den Gedanken des Kapitels: Amt und Anonymität. Der Umschlag eines sehr ernsten und gedankenreihen Buhes läßt glauben, er umhülle den Kriminalroman: die papierene Maske. — Das Budi von Beradt spridit den großen Shmerz des Rihters aus, und den Shmerz, den dieser bereiten muß. Alle Beschrän kungen des Rihters durch das Gebäude des Rehtcs, durh die Natur des Amtes und der Prozedur, durh seine Herkunft, Weltanshauung und Individuation sind sauber und systhematish dargelegt. Man sieht in die Werkstatt des Rihters und man sieht seinen Werdegang von dem um Wahrheit und rihtiges Reht ringenden Anfänger an zu dem Routinier, der sih seiner Tagesaufgabe mit Geschicklichkeit entledigt. Beradt ist ein gelehrter und braver Justizmensh, den die dcutshe Justiz, wie sie ist, ent täuscht und abstößt, weil er eine Leistung von ihr erwartet, die jede Justiz shuldig bleibt, und die auh Gottvater, der Rihter der Welt, shuldig bleiben müßte. Allen positivistishen Kritiken, die mit den Optativen „es sollte doch“ und „es müßte eher arbeiten, liegt die Vorstellung zugrunde, der Apparat des Staates sei eine Präzisions mashine, den Willen des Gesetzgebers oder die Gebote der Vernunft und eines höhsten Rehtes zu vollstrecken. Der Ernstnehmer auf diesem Gebiete will sih niht eingestehen, daß „Justiz mit Gerehtigkeit nihts zu tun hat, und nihts ist als Ver waltung des Gerichtswesens." Der gute Rihter ist eine Bilderbuchvorstellung wie der Arzt, der durh Handauflegen heilt. Man kann sih vorstellen, wie der vom proletarishen Rihter sahfällig erklärte Genosse in Moskau (siehe: Hans Siemsen, Rußland ja und nein, Ernst Rowohlt Verlag) über jene organishe Funktion denkt und spriht, als weihe die Rehtsprehung dort auftritt: Nicht einmal eine Toilette frau (Siemsen schildert eine solhe als besten Rihter) kann die Idee der Gerehtigkeit restlos darstellen. — Vor Jahren einmal shrieb ih zum Kapitel Verwaltung: „Dem Schriftsteller der Nihilismus, der Positivismus dem Magistratsbeamten. Der Schrift steller will niht mitreden, wenn ernste Leute öffentlihe Angelegenheiten erwägen. Sapiens taceat in ecclesia.“ Ein so fleißiges und kenntnisreihes Buh wie das von Beradt kann in solher Geisteshaltung irre mähen. Auh ethishe Wärme hat ihre Mission. Niemand wird Beradts Buh über den deutshen Rihter aus der Hand legen, ohne viel Belehrung daraus geshöpft zu haben. Walther Rode. JOHN GALSWORT HY, Auf der Forsyte-Börse. 19 neue Kapitel zur Forsyte- Saga. Paul Zsolnay Verlag, Wien. Als der „Schwanengesang“ erschienen war, seufzten alle Forsyte-Freunde: „Jetzt ist es aus!“ Galsworthy fand einen Ausweg und gründete die Forsyte-Börse, in deren Vertretern wir lauter gute Bekannte wiederfinden. Es ist, als ob man in einem alten Familienalbum blättern würde. So also haben die Niholas, Roger Swithin, die Juley und Hester einmal ausgeshaut. Man wundert sih, daß der alte Joly on auh einst ein junger Joly on war. Und Timothy, der sagenhafte Türke, der noh den Weltkrieg miterlebt hat, ging einst audi auf Freiersfüßen; aber da er ein Glückspilz war, ist nichts draus geworden. Und später mochte er keine Hunde leiden, wovon seine arme Shwester Juley ein Lied zu singen weiß. Diese reizenden, zum Teil sehr humoristishen kleinen Geshichten erstreben sih über ein ganzes Jahrhundert und geben ein gutes Stück Kulturgeshihte einiger Epodien. Wie ein großer Roman. Ist es nun aber mit den Forsytes wirklich zu Ende? M. Z. Verantwortlih für die Redaktion: Victor Wittner, Berlin-Charlottenburg. —Verantwort lich für die Anzeigen: Herbert Shade, Berlin. — Nahdruck verboten. Verantwortlich in Österreich für Redaktion: Ludwig Klinenberger, für Herausgabe: Ullstein 5c Co., G. m. b. H., Wien I, Rosenbursenstraße 8. — In der tschechoslowakischen Republik: Wilh, Neumann, Prag. Der ,,Querschnitt“ erscheint monatlich einmal und ist durch jede Buchhandlung zu beziehen; ferner durch jede Postanstalt, laut Postzeitungsliste. — Redaktion: Berlin SW 68, Kochstraße 22-26. 654