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guten Ton, und der Müßiggang ist nicht nur ein Laster, sondern ausgesprochen schlechter Stil. Auch die Achtung vor der Arbeit anderer und daher Sparsamkeit mit Material und Arbeitskraft sind sonach Errungenschaften des 20. Jahrhunderts. Zwischen der Lebensführung des kleinen Mannes und jener des Reichen klaffen keine Wesensunterschiede mehr, nur Grade unterscheiden sie. Da wir noch immer in einer Welt des „Als ob“ leben, gibt es kein drastischeres Beispiel für den Wandel der Zeiten als den Müßiggänger von heute, der Geschäftigkeit vor täuscht, im Gegensatz zum Tätigen von einst, der seine unschickliche Eile zu verbergen suchte. Man hat es nicht leicht, seitdem das vornehm geworden ist, was die ordinären Menschen für ordinär halten: Einfachheit, Arbeitsamkeit, Sparsamkeit. Weniger als je kann man Vornehmheit für Geld kaufen in einer Zeit, in der sie noch welches einbringt. Ich liebe alte Bilder, alte Bauwerke und Möbel, sie können in ihrer Art voll kommen sein. Ich möchte die Erfahrungen der Jahrtausende, die vor mir waren, nicht missen, aber ich möchte sie so verwenden, wie es die täglichen Erforder nisse der Gegenwart diktieren, genau so, wie es unsere konservativen Vorfahren gemacht haben. Ich möchte keinen neuen Gruß, keinen neuen Anzug, keinen neuen Stuhl, kein neues Besteck und kein neues Restaurant erfinden, aber wir müssen es verstehen, die Dinge, die sich im unerforschlichen Schöße des Volkes entwickeln, zu akzeptieren, sobald die alten Dinge unserer Zeit nicht mehr entsprechen. Wo kämen wir auch hin, um mit Oscar Wilde, dem letzten Arbiter der Vornehmheit, zu sprechen, wenn uns das Volk nicht mehr mit gutem Beispiel voranginge? Die Höflichkeit des 18. Jahrhunderts bestand darin, sich selbst möglichst große Unbequemlichkeiten zu bereiten, um seine Mitmenschen zu ehren. Im 20. Jahrhundert bemüht man sich, dem anderen zu möglichst großer Bequem lichkeit zu verhelfen. Man behält den Hut auf dem Kopf, man legt die Füße auf den Schreibtisch, man sitzt in Hemdsärmeln, aber man hilft seinem Mit menschen in den Rock, man läßt ihm die Tür nicht auf die Nase fallen, man achtet darauf, daß auch der Hintermann im Theater und auf dem Fußballplatz etwas sieht, man nimmt Fußgänger mit dem Auto mit, man gibt Anfängern eine „Chance“, man bemüht sich, Deprimierten Selbstvertrauen einzuflößen, und selbst die Mütter trachtet man zu ehren. Auch bei der Einrichtung von Häusern und Wohnungen bemüht man sich nicht mehr wie einst, dem Besucher den Ein druck zu vermitteln, daß man keine Kosten gescheut habe, um ihn durch den Prunk seiner Gemächer zu ehren, sondern man trachtet, es sich selbst und seinen Gästen so bequem und angenehm wie möglich zu machen. Eine Erinnerung allerdings an das 18. Jahrhundert trägt auch der moderne Amerikaner in seinem Unterbewußtsein mit herum. Den Frauen gegenüber hat er noch Hemmungen. Ihnen gegenüber bemüht er sich, „galant“ zu sein. Aber auch diesen Atavismus wird er noch ablegen, wenn auch vielleicht erst im 21. Jahrhundert. Die Ritterlichkeit, mit der wir unserer Sport- und Lebens kameradin zur Seite stehen, hat mit jener der Minnesänger allerdings nicht mehr viel zu tun. Was guter Sport an Galanterie gestattet, ist nicht die Welt. Aber wieviel instinktives Gefühl für die Bedürfnisse der Freundin auf Skiern, im Paddelboot oder am Klettersteig nötig ist, das fragen Sie den Mann, der eine hat. 113