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Vornehmheit ist ein Modeartikel. Ich würde keinem gewissenhaften Kauf mann empfehlen, sich ein größeres Lager davon hinzulegen. Es könnte sein, daß es im Laufe der Zeit zu unverwertbaren Ladenhütern würde, die er auch mit dem größten Verlust nicht absetzen könnte. Seine Vorräte müßten gar nicht Jahrhunderte alt geworden sein, wie die im 17. und 18. Jahrhundert beliebte Sitte der Vornehmen, Bedienten ins Gesicht zu schneuzen, für die man heute schwer Liebhaber interessieren könnte. Auch mit der Vornehmheit des Sonnen königs wäre kaum etwas anzufangen, wenn man bedenkt, daß er so gestunken hat, daß auch die abgehärtetsten Nasen des 17.Jahrhunderts es nur mit äußerster Selbstüberwindung in seiner Nähe aushalten konnten, so daß Ohnmachtsanfälle seiner Umgebung die Regel bildeten. Wer die kürzlich wieder gezeigten Filme aus der Urzeit des Kinos gesehen und die Lachsalven miterlebt hat, die u. a. die Grafentochter auslöst und das Mädchen aus gutem Haus, deren Bräutigam sich aus lauter Hochachtung vor der Marie des alten Herrn nur auf die Sesselkante zu setzen wagte, wird der Behauptung beipflichten müssen, daß auch die Vor nehmheit vom Beginn unseres Jahrhunderts heute sicherlich nicht mehr an den Mann zu bringen wäre. Wir Europäer haben einen schweren Stand: wir stecken mit den Kinder schuhen im französischen 18. Jahrhundert und mit dem Hut in U. S. A. Mit dem Hut nämlich, den wir vor Herren nicht abnehmen, weil wir gehört haben, daß man das nicht mehr tut, während wir uns verbeugen, so, daß jeder franzö sische Tanzmeister daran seine Freude hätte. Genau wie in Frankreich bekannt lich jeder Bauer Französisch spricht, hat in Amerika jeder Holzfäller ein be neidenswert sicheres Benehmen, weil jeder Amerikaner das zwanzigste Jahr hundert im Blut hat und sich nicht etwa deshalb richtig benimmt, weil er es aus den verschiedenen „Books of Etiquette“ gelernt hätte, sondern weil die Auffassung des 20. Jahrhunderts von den Beziehungen der Menschen zueinander sein von keinerlei Überlieferung beschwertes Hirn unbewußt lenkt. Im achtzehnten Jahrhundert teilten sich die Menschen in Herren und Diener. Das Geld hatte eine völlig andere Bedeutung. Der Herr besaß ein Vermögen, das so und so viel tausend Livres Rente brachte, und es handelte sich darum, diese auf die angenehmste Art auszugeben. Arbeit war, mit Ausnahme einiger be stimmter Tätigkeiten, die nicht beschmutzten, unvornehm. Insbesondere letzterer Umstand beeinflußte die Handlungen der Menschen im wahrsten Sinne des Wortes auf Schritt und Tritt. Es galt ja als unvornehm, sich zu beeilen oder müde zu sein, und die Haltung eines Sitzenden durfte um Gottes willen nicht zu bequem sein, weil dadurch sein Ruhebedürfnis zum Ausdruck gekommen wäre. Auch galt es als unvornehm, sich zu waschen oder zu baden, weil man sich an ständigerweise nicht durch Arbeit beschmutzt haben durfte. Die Auffassung, daß nur die herrschende Klasse als berechtigte Mitmenschen anzusehen sei, während die arbeitende Bevölkerung lediglich zum Nutzen der Oberschicht zu dienen habe, wurde nur von Außenseitern dieser Gesellschaft gelegentlich an- gezweifelt. Heute ist das Vermögen als Kapital eine Angelegenheit industrieller Pro duktion geworden, und sein Besitz verpflichtet und nötigt ebenso wie sein Nicht besitz zu persönlicher Betätigung. Die Arbeit gehört daher heute sozusagen zum 112