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— Frau Äbtissin, dürfen wir? — Ja gut, aber in Stiftskleidern. — Nein, das tun wir nicht. Dann können wir’s nicht aufführen, und dann ist Arbeitskraft von fünf Wochen weggeworfen. (Arbeitskraft von fünf Wochen, darauf liegt das Hauptgewicht). — Frau Äbtissin, Arbeitskraft von 22 Kindern von fünf Wochen, wir haben gelernt, geprobt, gefeilt. Wie darf man Kraft wegwerfen um 20 Paar Hosen willen, tragen wir nicht dieselben langen, blauen, weiten Pumphosen auf dem Turnplat 2 ? — Fragt den Pastor. Der ist nun schon ärgerlich, „meinetwegen tun Sie’s, aber ich seh’ nicht zu“. Wir haben unser Recht, uns ist alles gleich. Soll er wegbleiben. Wir haben uns durchgesetzt, und nicht zu vergessen, vierzehn Tage nach der Aufführung sind wir draußen in der Welt, frei. Jetzt steigert sich alles. Jetzt sind wir besessen, toll. Da brüllt, stampft, schreit etwas in uns, das macht uns trunken. VFir vergessen den Tag, den Zwang, die Pflicht, wir vergessen alles. Wir sind freie Wallensteiner und sind für kurz nur hier eingekehrt im Stift. Kameraden sind wir. Was die Feinde machen, schert uns ’nen Dreck, solang wir „wir“ sein können. Zufällig nur haben wir heut dies Gewand gewählt, diese Zeit, diesen Ort, diese bunte, farbenklecksige ,,Stilbühne im märkischen Stift, eine Stilbühne, gemacht aus Decken, die nebeneinander, über- und voreinander hängen. Ebenso zufällig, daß wir Kinder sind, Mädchen, halb erwacht, das ist alles äußerlich. Wir sind ja be sessen. Wahrheit ist die Idee. Wahrheit ist die alte Hellebarde und der Morgen stern, sind die drei Paar Stiefel aus dem „Museum“. Die ändern Stiefel sind aus dem Dorf. Wir liegen am Vorabend breit auf dem Stroh bei Kerzenlicht und fressen den Honig mit der Hand aus dem Topf, schlecken ihn von allen Fingern. Die Stimme soll doch klingen — „Frei will ich leben und frei will ich sterben, niemand berauben und niemand beerben“ —• wer jung war, weiß, daß die Worte allein schon trunken machen. Zumal haben wir im Stall gestanden, gut gepflegt und gefüttert, doch im Stall, und wir haben den Hufschlag der ändern draußen gehört, haben gewiehert, an den Ketten gezerrt, gestampft, ausgeschlagen, in vierzehn Tagen läßt man uns heraus, macht das nicht toll? Frei will ich leben, denn wir jungen, blöden Pferde glauben an die Freiheit, an das Leben, glauben, daß der Stall nur auf sein muß, um uns frei zu machen. Das Leben ist unendlich weit und offen, alles und nichts ist zu gewinnen, zu verlieren. Nochmal —• wir sind besessen. Der Pastor erscheint nicht zur Aufführung, die Äbtissin schüttelt den Kopf hinterher. Ganz nett — aber die Hosen, die Lehrerin schließt uns in die Arme, sie und paar andere haben gespürt, was los war, was da tobte. Also es klappte. Was gilt danach die Einsegnung? Zumal, wenn Kapp-Putsch ist, wenn gestern abend Nordlicht war, eine große rote flammende Krone am Himmel, dann strömen Wittenberger Spartakisten im Land herum, das ist das Leben. Das Leben ruft. Wir wiehern. Kaum ist der Riegel offen, stoßen wir selbst die Türe auf, übersteigen uns, hasten, galoppieren los, ohne rückwärts zu schauen. Rasen hinaus in Frühling und Sonne. Vielleicht sitzt Wallenstein uns noch in den Gliedern, alles andere jedoch ist vergessen. 768