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welche gibt es, die können feine Umschläge machen, ganz abstrakt. Übrigens warum nicht Dadaismus? Worte, die gestammelt werden, stolpern, auftürmen und wieder stürzen, warum soll das alles nicht gelten? Ich trag’ auch keine Unterröcke mehr, wozu ? Und wenn Sie meinen, der Aus schnitt der Bluse sei zu tief, lasse zuviel sehen, uns ist’s gleich, wir wollen Luft und dünken uns gleich etwas freier. Später, wenn wir frei sind, was wird später? Ich werd’ Bildhauer, Ursel Schauspielerin, die Else muß Musik studieren, und Betty geht zur Oper. Heute gehen wir den Weg, den wir suchten. Will man mir verbieten, Silhouetten zu schneiden, damit die ändern Arbeiten nicht zu kurz kommen, ich finde schon Möglichkeiten, jeden Tag schneid’ ich solche, und lernen tu ich doch nur, was mir paßt, mir gefällt. Ich bin stärker als ihr. Das sind die Kanäle, die geheimen, tausendfältigen. Es gibt aber auch anderes. Dann bricht das Wehr, und der Damm und der Fluß stürzt vor, überstürzt sich, sprudelt. * * * Wir sind in der ersten Klasse, unsere Lehrerin hat eben den Wallenstein hin geworfen, hat verzichtet, ihn mit uns zu lesen, läsen wir doch wie Waschweiber, wie Jammerlappen. Sind wir nicht Landsknechte? Merkwürdige Wesen, eckig, in den Bewegungen gehemmt noch und blöd, doch zitternd vor Leben. Wir wollen’s ihr zeigen. Wir führen zu ihrem Geburtstag Wallensteins Lager auf, wir 22 Leute, und sagen dürfen wir nichts davon, sind ja noch acht Wochen Zeit, da schaffen wir’s geheim, nebenbei. Ich erzähle nicht um der Leistung willen, die diese Aufführung war, sondern um der Kraft willen, der Explosivkraft, die in solch Kindern steckt, die keiner hemmen, dämmen kann. Da ist eine Idee, und kraft dieser Idee ist selbst die zarte Renate ein wilder Kapuziner, ist unsere gute, langsame Käte ein flotter Soldat, ist Elsbeth ein toller Jäger. Da sind welche, die lernen sonst ungern, diesmal können sie ihr Pensum. Übrigens steigt die Sache in drei Wochen. Da kommt der Kampf. Eines Tages ruft eine Dame mich zu sich, vertraut mir an, da am fünfund zwanzigsten Jubiläum der Äbtissin (hatten wir vergessen) gedenke sie etwas auf zuführen, eventuell zwei Akte aus Iphigenie. Nur habe sie ein Bedenken, sie brauche die Inge zur Iphigenie, und die Inge sei doch Konfirmandin. Sind wir das nicht auch? Und spielt die Inge nicht die Marketenderin? Sie ist sogar kokett dabei, worauf wir ändern sehr stolz sind, wir können das noch nicht, wir eckigen Mißgebilde. Am nächsten Tag, nach eingehender Beratung, gestehen wir: Wir üben schon an einem Stück, d. h. wir haben schon eins eingeübt. — Ja welches denn? — Also Wallensteins Lager. — Was, dies burleske Stück! (Wüßt ich doch, was burlesk ist, Gudelins weiß es auch nicht.) Ihr als Konfirmandinnen! Unmöglich! Ja, aber wir haben es schon eingeübt, ganz fertig eingeübt. — Geht zur Äbtissin, die mag entscheiden. Entsetzen dort und Schweigen. — Geht zum Pastor, ihr seid Konfirmandinnen. Der brummelt vor sich hin, ihm sei’s gleich.