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Vom Rauchfangkehrer. Von Georg Wolker Fadenende, wie eine welke Blüte in seiner lland. Hansens Hoffnungen waren begraben. Tränen traten in seine Augen, denn er sab den Grund seines Unglücks darin, daß er sich an fremdem Eigentum vergriffen hatte. Er schluchzte so heftig, daß der Bauch fangkehrer sich umsuh und auf ihn zutrat. „Was ist dir denn geschehen, Kleiner?" trug er mit sanfter Stimme. Hans ant wortete nicht und schluchzte noch mehr. „Iiat dir jemand etwas getan, oder hast du etwas verloren?“ Die Hand des Rauchfangkehrers stricn liebkosend über Hansens Scheitel. „Ich hab einen Knopf genommen“, stieß Hans endlich hervor. „Ich hab ein Schloß und eine Orange haben wollen und deshalb hab ich gestern den Knopf genommen.“ „Und wem gehörst du?“ Hans wußte es nicht. Er gehörte wohl niemanden, und es war doch so süß, je mandem zu gehören. Der Rauchfangkehrer nahm den wei nenden Hans an die Hand und führte ihn fort. Die Hand war schwarz und voll Ruß, aber wie gut wußte sie zu führen. Der Rauchfangkehrer brachte Hans in ein kleines Haus — dasselbe, in welchem gestern das kleineMädchen verschwunden war. „Mutter, Einehen, ich bringe euch hier einen kleinen Jungen, der weint, weil er ein goldenes Schloß und eine Orange haben wollte. „Ich weine nicht deshalb,“ sagte Hans, „ich weine, weil ich einen Knopf genommen habe.“ „Wir können dir kein Schloß und keine Orange geben,“ sagte die Frau Rauchfang kehrer, „aber wir geben dir ein Mittags mahl.“ Und so geschah es. Sie setzten ihn zum Tisch und gaben ihm einen vollen Teller Suppe. Rechts von ihm saß der Rauchfang kehrer, schon rein und gewaschen, links die Frau Rauchfangkehrerin, gegenüber Linchen, das gestern den Knopf verloren hatte. Sie stellten liebevolle Fragen an ihn, und Hans antwortete. Nie hatte er soviel erzählt, wie damals. F" erzählte, wie ver lassen er sei, wie er das Giück wollte, wie er den Knopf suchte und wie alles ausge fallen sei. Der Herr Rauchfangkehrer und die Frau Rauchfangkehrer lächelten, Linchen sah ihn mit ernsten, verwunderten Augen an. „Du gefällst mir, Junge,“ sagte endlich der Rauchfangkehrer, „und wenn du willst, kann t du bei uns bleiben und ich lehre dich das Rauchfangkehrergewerbe. Ohnedies ist es für meine Kleine zu traurig, immer al lein zu sein.“ Seine Frau nickte zustimmend und Lin- chens Augen leuchteten, und auch Hans willigte mit Freuden ein. Er lernte also das Rauchfangkehrerge werbe. Rauchfangkehrer zu sein bedeutet, die Menschen zu beglücken. Aber der Rauch fangkehrer kann das Glück nicht mit Hilfe eines Knopfes erreichen. Da er das Glück bringt, kann er nichts davon nehmen. Aber er war nicht von der Gnade aus geschlossen und war glücklich, trotzdem er als Rauchfangkehrer sich nicht am Knopf fassen konnte, wenn er einem ändern Rauchfangkehrer begegnete, um die Erfül lung seiner Wünsche zu erbitten. Er kletterte auf hohen Dächern herum und die Menschen hatten ihn gern, weil er die Rauchfänge schön zu säubern verstand und ihnen das Kochen guter Gerichte er leichterte. Er öffnete Sonne und Luft den Weg zum Herd der Menschen und das ist eine gute Arbeit. Die Zeit verfloß pfeil geschwind, und Hans wuchs heran. Der Herr Rauchfangkehrer war mit ihm zufrie den, die Frau hatte ihn gern, und Linchen? Linchen hatte ihm längst verziehen, daß er einst ihren Knopf nahm. Mußte sie ihm doch später verzeihen, daß er sie selbst ge nommen halte. Damals war sie wie eine schlanke Birke und Hans wie ein starker Buchenbaum. Wenn ihr ihm einmal begegnet, werdet ihr ihn wohl erkennen. Er sieht zwar wie jeder andere Rauchfangkehrer aus, aber er bat die Taschen voll Knöpfe, und wem sie am Rock fehlen, dem schenkt er sie, denn er will nicht dem einen das Glück bringen uni dem ändern nicht. Rauchfangkehrer zu sein bedeutet, die Menschen, welche Knöpfe haben, glücklich zu machen. Und bis einmal alle Menschen Knöpfe haben werden — dann werden auch alle glücklich sein. Autorisierte Uebertragung von Camilla Zucker 622