In Wilhelmshaven begegnet mir ein merkwürdiges Mädchen in einem Bor dell. Verlobt mit einem Zahnarzt, spart sie da für die Aussteuer. Sie ist sehr nett zu mir. Kapp-Putsch März 1920. Kapp-Putsch! Sehr schwankende Ge sinnung der Mannschaft. • Keine innere Ueberzeugung gegen Kapp und Ehrhardt. Durch ungeschick tes Verhalten veranlaßt schließlich Auf lehnung gegen Offiziere. Am 15. März elf Uhr heulen im Hafen die Sirenen: sämtliche Offiziere werden gefangengenommen. Ich bin der ein zige Offiziersanwärter, der frei bleibt. Warum, weiß ich eigentlich nicht- Später sehr verworrene Zustände, unter anderm Streik der Aerzte. Ich leide unter einer schweren Zellgewebe- Entzündung und werde von einem be trunkenen Sanitätsmaaten mit stumpfer Schere ohne Betäubung geschnitten. Danach erste, echte Ueberzeugung: nämlich, daß Aerztestreik Verbrechen ist. Aus Aerger über die falschen Presse berichte über die Ereignisse in Wil helmshaven schreibe ich eine Entgeg nung und schicke sie an die „Vossisdie Zeitung“. Die „\oß“ hat das damals tatsächlich gedruckt und sogar einen Dankesbrief an mich geschrieben. Ich «erde Medizin-Student Oktober 1920. Wachsende Abneigung gegen Ver rohung und Verstumpfung durch das Soldatenleben. Wunsch, mal heraus aus dem Dreck, mal es besser haben. Entlassung. Mit dem Entlassungsgeld gradeswegs nach Berlin. Hier geriet ich sehr schnell in ein Milieu. das man ..schlechte Gesellschaft“ nennt. Die bürgerliche Gesellschaft war drauf und dran, sich selber aufzulösen. Zum erstenmal hörte ich das Wort: „Geld spielt keine Rolle.“ Es machte mir großen Eindruck. Schließlich Unterredung mit dem Vater (Arzt): Ich will Medizin studieren. Antwort des Vaters: „Wenn du Arzt wirst, schlag ich didi tot.“ Darauf ohne Adieu nach Jena auf die Lniversität: nun grade! Sehr wenig Geld, Volksküche, gelie hene Bücher, sogar ein geliehenes Skelett. Fand ziemlich schnell heraus, daß man aus dem Buch in einer Viertel stunde mehr lernen kann als in einer Stunde Kolleg. Handelte danach. Große Liebe Herbst 1920. Ich war eben achtzehn Jahre gewor den. Sie war sechs Jahre älter. Sie war eine entzückende Geliebte, aber unmög lich für einen jungen Mann ohne Geld- Verwöhnt aufgezogen, von ihrem Mann geschieden, lebte sie vom Verkauf ihrer Möbel. Schmucksachen, Kleider. Sie hatte keine Energie und keinen Auftrieb mehr. Sie zog mich mit in ihren reißend schnel len Untergang. Es war eine wunderbare und eine furchtbare Zeit. Ich beging alle Dummheiten, die man in dieser Uage nur begehen kann: Ich stahl für sie und lief mit der Pistole in der Tasche im Wald herum. Es war die härteste Probe, auf die ich je gestellt worden bin. Im Wdnter 1921 verließ ich sie. Student und Barmann Januar 1922. Nicht geheilt fuhr ich nach Rostock, um weiter zu studieren. Dort war ein Freund von mir Leutnant bei der Po lizei. Er hielt midi eine Wodie lang streng unter Alkohol. Als ich zum Bahnhof fliiditete, um zu der Frau zu rückzufahren, ließ er midi auf dem Bahnsteig verhaften. Ich danke ihm dafür. Ich hatte viel versäumt im Studium, den ganzen Sommer und den Winter hindurch. Nicht viel Lust nadizulernen. Dazu fast gar kein Geld.