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hat sie Eltern. Der Storch hat sie nicht gebracht.“ — „Ich meine, ,ob ihre Eltern vielleicht gestorben sind“, fragte Lutz tapfer, aber mit feuerroten Wangen. „Ach nein, gestorben sind sie nicht.“ — „Dann können wir vielleicht Luisens Vater sprechen?“ — „Aber gewiß können Sie das. Wenn Sie bis vier Uhr früh warten wollen . . . ! Und dann müssen Sie gewaltiges Glück haben, wenn er versteht, was Sie von ihm wollen; denn um diese Zeit ist er meist so hlau wie der Himmel in Italien!“ „Großer Gott!“ sagte Lutz. Sonst nichts. Jetzt war auch ihr der Mut aus gegangen. „Ja, so ein Stall ist das, in den Sie da geraten sind, meine Lräu- leins!“ Die Alte war offenbar sehr zu- frieden damit, uns gründlich eingeschüch tert zu haben. „Wenn Sie etwas auf dem Herzen haben, dann müssen Sie sidi sdion an mich wenden. Ihr kommt doch wohl nicht her, um der Luise einen Besuch zu machen, um zu sehen, ob sie vielleicht krank ist. Hat sich ja noch niemals wer um das arme Ding ge- gekümmert.“ Wir sagten also, warum wir gekommen waren, daß der Klassenvorstand jemand von Luisens Lamilie sprechen wollte, weil er mit ihren Lortschritten unzufrie den war. Darüber geriet die Alte in furchtbare Wut. „Er soll selbst herkommen; er soll sidi clas hier einmal an sehen, ehe er dem Mädel Vorwürfe macht! Unzu frieden ist er! Was weiß denn der von der Luise! Wenn er miterlebt hätte, was idi erlebt hab in den sechzehn Jahren, die ich in diesem Haus bin! Wie erst die Mutter fortgelaufen ist, das Kind war kaum zwei Jahre alt! Gott weiß, wo die sich überall herum getrieben hat. Heut hat sie ja Geld wie Mist, fährt nur im eigenen Mer cedes und schaut aus — nicht älter als eine von euch. Einmal haben wir sie im Park getroffen, und ich alte Kuh hab geglaubt, sie wird sidi freuen, zu sehen, wie groß und schön ihr Kind ge worden ist. Aber wo! Gerad, daß sie nicht den Schutzmann gerufen hat, um uns fortzujagen!“ „Ja, aber warum denn?“ stammelte ich entsetzt. Daß so etwas möglich war, eine Mutter, die ihr Kind fortjagt —! „Warum? Weil ein Bekannter Vorbei gehen konnte und sehen, daß sie eine große Tochter hat, daß sie also nicht mehr die Allerjüngste ist. Nur deshalb, nur aus gemeiner, dreckiger Eitelkeit! Erzählen Sie das Ihrem Herrn Klassen vorstand! Und dann erzählen Sie ihm auch, was Luise für einen Vater hat. Einen Tater, der ... er ist übrigens kein böser Mensch. Wenn er eine or dentliche Lrau gehabt hätte, wäre es vielleicht anders mit ihm gekommen. Aber heiraten wollt er nicht mehr nach dem Skandal mit der ersten, und auf die Weiber verzichten wollt er auch nicht, und so war es eben jedes Jahr eine andere und manchmal auch drei oder vier im Jahr, und das Kind hat das alles mit ausehen müssen. Aber das war noch ein Paradies. Jetzt, wo er älter wird, da ziehen sie ihn an der Nase herum. Jeden Abend schleppen sie ihn in die Bar, und wenn er recht voll gepumpt ist, dann schmeicheln sie ihm clas Geld aus der Tasche, und wir zu Plause haben oft nicht das Mittagessen. Alle Bilder und alle Teppiche haben wir schon verkauft. Dabei ist er kein schlechter Mensch, und manchmal sieht er auch ein, was für ein Lump er ist; dann weckt er die Luise mitten in der Nacht, weint an ihrem Bett und be schimpft sich — aber am nächsten Abend ist er eben doch wieder nicht zu halten. Es ist schon zu spät, er ist schon zu schwach, er kann sich nicht mehr ändern, auch wenn er wirklich will. Und da läuft nun das Mädel mit ihm in die Nachtlokale und gibt acht, daß er keine gar zu großen Dummheiten macht. Und dann soll sie am nächsten Morgen in die Schule gehen und latei nisches Zeug daherquasseln und das Lied von der Glocke aufsagen?“ Das alles hatte die Alte ausgepackt, fast ohne Atem zu schöpfen. Nun aber