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durchaus ungehörig, daß ein Mädchen Ihres Alters um Mitternacht, dekolle tiert und in lauter Herrengesellschaft ein Lokal betritt, daß . . . ich nenne keinen Namen, ich will niemanden be schämen. Sie alle gehören in der Nacht ins Bett, schon damit der Kopf morgens frisch und aufnahmefähig ist. Gehen wir zur Tagesordnung über.“ Aber niemand außer ihm war im stande, zur Tagesordnung überzugehen. Wir antworteten so falsch und zer streut, als hätten wir alle die Nacht in zweifelhaften Lokalen zugebracht. Luise Wolkan aber wurde gar nicht aufgerufen. Der alte Steffen war kein Menschenfresser. Als er aber, ungefähr eine Woche darauf, die mathematische Schularbeit austeilte, reichte er der Wolkan ihr Heft mit den Worten: „Das geht mit Ihnen so nicht weiter. Ich möchte je mand von Ihrer Familie sprechen!“ Die Wolkan antwortete nicht. Am nächsten Morgen kamen weder sie noch jemand von ihrer Familie zur Schule. Und auch nicht während der zwei fol genden Tage. Wir waren uns voll kommen klar darüber, daß sie es um keinen Preis auf eine Aussprache zwischen ihren Eltern und Steffen an kommen lassen wollte, weil dann die Kabarettgeschichte, aber auch wer weiß, was sonst noch alles, ins Rollen kommen konnte. „Ich möchte nicht in ihrer Haut stecken!“ sagte die schwarze Dunnitzer, meine Nachbarin. „Ich möchte, daß eine von Ihnen zu Wolkans geht", sagte der alte Steffen, „und ausrichtet, daß ich jemand von der Familie zu sprechen wünsche.“ Er wandte sich zunächst an Emmy Löb und die blonde Mertens, die doch so gerne die Hefte ins Konferenzzimmer trugen. Aber Emmy Löb sagte: „Wenn ich nicht m u ß, II err Professor . . . !“ und die Mertens sagte dasselbe. Schließlich über nahm meine Freundin Lutz den Auf trag, und ich sollte sie begleiten. Wir gingen gegen sechs, nachdem wir unsere Hausarbeiten fertig hatten. Zu unserem Erstaunen war es durchaus keine elende Yorstadtbude, in der die Wolkan wohnte, sondern ein elegantes Haus mit Teppichen und Marmor wänden. Eine dicke alte Frau öffnete uns. Luise war nicht zu Hause. Dann möchten wir gern ihre Mutter sprechen. Die Alte lachte höhnisch. „Wir möchten Frau Wolkan sprechen, Luisens Mutter!" sagte Lutz. „Ich verstehe immer Mutter!" höhnte die Alte. Wir sahen einander ratlos an. Da wir aber nicht fortgingen, führte uns die Alte schließlich weiter, in ein sehr großes, aber beinahe leeres Zim mer. Ein riesiger Flügel stand darin, ein paar große, samtbespannte Arm stühle, und in einer Ecke stand, seltsam verloren, eine große Bronzestatue auf einem Postament. Die Wände waren mit gelber Seide bespannt, die große, häßliche, dunkle Flecken hatte. „Was ist denn nun also los?" fragte die Alte. Sie hatte ein rundes, gut mütiges Gesicht, uns aber war sie offen bar nicht grün. Die Luise, antwortete ich, sei schon drei Tage lang nicht zur Schule gekommen. „Recht hat sie!“ entgegnete die Alte. „Ganz recht hat sie. Muß doch aus- schlafen, das arme Ding. Hundertmal hab’ ich ihr gesagt: Gib die dumme Schule auf, das ist was für die Töchter aus ordentlichen Häusern; wenn man aber in einem solchen Stall leben muß wie dieser da, so ist es am besten, man nimmt den ersten besten Kerl — und adieu! Aber nein, sie kann sich nicht trennen von ihren Büchern und von ihren dummen Ideen mit Studium und Universität und Selbständigkeit und was nicht noch alles!“ Ich war durdi die derben \\ orte der Alten vollständig aus der Fassung ge bracht. Aber Lutz hatte damals schon Geistesgegenwart und gesellschaftlichen Takt; sie tat, als hätte sie gar nichts Auffälliges gehört, und fragte: „Hat Luise keine Eltern?" \\ ieder lachte die Alte höhnisch: „Ja, natürlich 48