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„So, so. Nun, das ist gewiß an einer sicheren Stelle versteckt“, sagte der frü here Kassierer, dessen Zuversicht allmäh lich völlig wiederkehrte. „Der Diebstahl war wohl sehr geschickt ausgeführt?“ „Nein, das kann ich nicht sagen. Der gute Winde hat jede Einzelheit sehr ge nau erwogen. Und sein Einbruch ist kühn und unverschämt. Aber in zwei Beziehun gen hat er sich grober Unüberlegtheiten schuldig gemacht.“ „Inwiefern denn?“ „Erstens hätte er in seiner Wohnung weit sorgfältiger jede Spur von seinem abgeschnittenen Haar und Bart beseitigen müssen. Als ich vor einigen Stunden eine Haussuchung bei ihm vornahm, merkte ich sofort, daß er sich vor kurzem rasiert hatte. Das ist eine Unüberlegtheit. Die andere ist schon mehr eine Dummheit, nämlich die, daß er Perücke und falschen Bart unter seinem eigenen Namen be stellt hatte.“ Der Detektiv zog ein Papier aus der Tasche und reichte es dem ande ren. „Solch eine kleine Rechnung kann bisweilen zu einem bösen Verräter wer den“, fügte er lächelnd hinzu. Zu seinem größten Entsetzen hielt der falsche Rentier eine quittierte Rechnung in der Hand über die bei dem Perücken macher Albin Stohl von ihm bestellten Perücken. Diese Rechnung hatte er nie zuvor gesehen. Er hatte ja bar bezahlt und keine Quittung verlangt. Die Farbe kam und ging in seinem Gesicht. Eine furchtbare Angst bemächtigte sich seiner. „Woher — haben Sie — diese — Rechnung?“ stammelte er. „Aus Windes Wohnung natürlich.“ „Das ist gelogen!“ rief Winde erregt aus, verstummte aber sofort, ganz er schrocken über seine Unvernunft. Da sah er aber auch schon den Detektiv einen Browning aus der Tasche ziehen und auf ihn richten. „Halten Sie sich still, Herr Kassierer“, sagte Carring. „In wenigen Minuten sind wir in Upsala, und dort werden Sie fest genommen.“ Voller Angst mußte Enar Winde nun mit ansehen, wie der Detektiv sich seiner bei den Taschen mit der halben Million be mächtigte. Inzwischen hielt ihn der Brow ning auf seinem Fensterplatz in Schach. Als der Zug aber in Upsala einfuhr, schien Carrings Wachsamkeit nachzulas sen. Er befahl Winde, vor ihm aus dem Abteil zu steigen, nahm dann jedoch keine Notiz weiter von ihm, der denn auch schleunigst die Gelegenheit benutzte, aus dem Wagen zu springen und in der Menge zu verschwinden. Anstatt ihn zu verfolgen, brach der Detektiv in ein lei ses Lachen aus. „Das war der gewiegteste Coup, den du jemals ausgeführt hast, mein lieber Albin Stohl“, sagte er zu sich selbst, in dem er sich von der Perücke, der fal schen Nase usw. befreite, die ihn zum Doppelgänger von Leo Garrings gemacht hatten. „Aber nun habe ich auch meinen Lohn dafür, daß ich Freund Winde so eifrig nachspionierte, nachdem er die Sachen für seine Maskierung bei mir ge kauft hatte.“ Und während der Kassierer in einem Auto schleunigst den Bahnhof verließ, um seiner Verhaftung zu entgehen, begab sich der verschlagene Perückenmacher mit den beiden Handtaschen in den Warte saal und erkundigte sich, wann der nächste Zug nach Stockholm zurückgehe. (Berechtigte Übersetzung aus dem Schwedischen von Rhea Sternberg.) 254