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„Man schießt nicht bei uns“, brauste eine Greisin auf, die einst zu Nietzsches Füßen gesessen hatte, und ihre Nichte schüttelte den Bubikopf: „Wer schießt denn noch? Kein Mensch schießt mehr. Mit Ausnahme von Gym nasiasten, die das Vaterland retten wollen, und die das Unglück hatten, statt Karl May völkische Zeitungen zu lesen. Sonst niemand. Man kuriert sich selbst, wenn man noch zusammenhält, mit einer Reise auf die Gletscher oder nach Italien. Ist man aus den Fugen, so stehn einem hei lende Konventikel genug offen: Steiner, Kayserling, Tagore, Bo Yin Ra... Man schießt nicht... Sie, als Pazifist“, wandte sie sich an mich. — Der gescheite Bubikopf kam gerade von der Hochzeitsreise zurecht, um den Basler Skandal zu erleben. Sie hatte sich ein wenig vor der Stadt ihrer Väter ge fürchtet, nach soviel „Welt“ und „Be wegung“, worin sie sich getummelt: Pa riser Dancings, wo reizende, durchaus weibliche Damen, aus bestem Haus, mit „ägyptisch“ stilisierten Tänzerinnen flir teten, der Bazar des Montmartre, den die Amerikaner mit einem Dolmetscher zur Linken und dem Scheckbuch in der Rech ten betraten („Combien?“ fragten sie bei allem, Getränken und Frauen, bevor sie bestellten), das Hotel Ruhl in Nizza, die „Cercles“ von Monte Carlo, wo Basler Pa trizier das Fürchten lernen konnten, das Kolosseum und Mussolini, die von diesen Romfreunden immer miteinander verwech selt wurden, und noch in Zürich, dicht vor den Toren des väterlichen Hauses, Tod und Erlösung in Toscanini... Auch in Basel war Leben! Man schoß, man tötete. Madame, die ihr schwungvolles Fran zösisch mit Blöcken Schwizzerdütsch wie mit Brückenpfeilern stützte, so daß der Zuhörer auf ihrer Konversation die Ab gründe des Lebens anstandslos überschrei ten konnte, schlug Schaum aus dem Er eignis. Sie räsonnierte einen Roman bis zu Ende und fing gleich einen ändern an. In jedem kam der Pazifist vor, der eine Selbstmörderin verteidigte und sich da durch in einer Lebenslüge verfing, deren Folgen, wenn man so sagen darf, nicht aus Basel waren — so, wie sie von Ma dame ausgemalt wurden. Dies alles aus lauter Angst, daß von der großen wilden Welt bald nichts mehr übrigbliebe, als was nachmittags zwischen 4 und 5 in der Konditorei Spillmann zu sehen war. Der Bubikopf tat mir leid. „Waren Sie schon einmal im Zoologischen Garten?“ fragte ich. Er war nie dort gewesen, ich hatte es mir gedacht. „Ich gehe gerade hin. Kommen Sie mit. Obwohl ich Sie in wahrhaft gute Gesellschaft führe, wer den Sie sich doch keinen Augenblick lang weilen.“ Eine halbe Stunde später betraten wir den Zoologischen Garten, und ich stellte ihr sogleich die Kakadus vor. Sie standen zum Empfang rund um ein Rasenstück, ein jeder auf seiner Stange. Schon als ich die Hand nach ihm aus streckte, bog sich der Molukken-Ka- k a d u und glitt vom Kopf bis zum Schwanz in die Liebkosung. „Zärtlich ist er“, stellte Bubi fest. Die weißen Federn hoben sich unter einem unsichtbaren mil den Regen, rosige Morgenröte hüllte ihn ein, die langen grünen Haubenfedern fder Basler Molukken-Kakadu hat grüne statt roter Haubenfedern) standen wie die Fahne über einem Hochzeitszelt. „Als Frau Holle im Morgenrot die Betten schüttelte,“ rief Bubi entzückt aus, „hat der liebe Gott schnell einen Kakadu daraus gemacht.“ Da verdrehte der Vogel die Schrotkörner