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geschrieben hat, damit sie, vielen jetzt be kannt, und sich selbst und vielen zur War nung, ihm und der bürgerlichen Gemein schaft, die ihn jetzt wieder unter sich auf genommen hat, Pfand ist, daß er seine erste und letzte Chance heiligt und so Beispiel gibt für die ewige Wahrheit von dem Sieg des Guten und von der Sehnsucht des Menschen nach dem Guten . . . ★ Mit am interessantesten ist in Storm Nielsens Lebensbeichte (der Verfasser Kurzes Eheglück (19 Am ersten Sonntag in Argentiniens Hauptstadt bestieg Storm einen Ausflugdampfer und fuhr über den La-Plata-Strom nach Montevideo, der Hauptstadt von Uruguay. Unter den Passa gieren befand sich eine ältere englische Dame, die sich der Spanisch sprechenden Besatzung des Dampfers nicht verständlich machen konnte. Einer ihrer Koffer war versehentlich im Zollamt von Buenos Aires geblieben, und sie fragte, wie sie ihn jetzt nach Montevideo bekommen könnte. Da trat eine junge Dame an sie heran, die fließend und sehr hübsch Englisch sprach und alles, was die englische Dame sagte und fragte, gewandt und graziös ins Spanische über setzte. Nachdem sie auf diese Weise der älteren Dame behilflich gewesen war, zog sie sich be scheiden wieder zurück. Sic nahm ein Buch mit Goldschnitt und rotem Maroquin-Einband her vor, setzte sich in einen Liegestuhl und begann zu lesen. Storm betrachtete sie mit verstohlenen Blik- ken, und er begann zu überlegen, wie er eine Unterhaltung mit der Senorita in Gang bringen könnte. Nun darf man sich ja nie anmerken lassen, daß eine Dame unsere Aufmerksamkeit erregt hat. Storm näherte sich mit „La Prensa“ (Argen tiniens größter Zeitung) unter dem Arm einem Liegestuhl, der sich in der Nähe des Stuhls befand, auf dem die Senorita lag. Als er, den Rücken ihr zugewandt und mit englischer Gleichgültigkeit eine Weile gelesen hatte, zog er sein Taschenmesser hervor und schnitt ganz heimlich und darauf achtend, daß niemand etwas merkte, einen langen Riß durch die Mitte des Zeugsitzes seines Stuhls. Kurz darauf preßte er sich so stark in den Stuhl nieder, daß der Zeugsitz mit einem hörbaren Knall völlig zer riß; der Frechling glitt, mit den Beinen nach oben und mit dem übrigen Körper durch den Stuhl fallend, aufs Deck. Ein etwas komisches Bild. Gleichzeitig nahm er eine sehr erzürnte Miene an und stieß einen Schwall von erbosten englischen Worten über die jämmerliche Ver fassung der spanischen Passagierdampfer aus. Die herumsitzenden Passagiere fingen an zu lachen, und am herzlichsten von allen die Senorita; als Storm sie mit seinem erzürnten Blick streifte, beeilte sie sich, den Mund mit der Hand zu verdecken. Er tat so, als habe er spricht von sich in seinem Buch stets in der dritten Person) die Schilderung seiner romantischen Ehe in Ar gentinien (wohin er, 1910 aus dem Zuchthaus entlassen, in die Verbannung gehen mußte), die nach ganz kurzer Zeit mit dem Tode der Gattin endete. Hätte sie ihn nicht verlassen müssen, wäre sein Schicksal vielleicht ein anderes geworden. Das Ehekapitel ist der erste Sehnsuchts schrei des Verirrten nach Heimkehr. Es lautet in etwas gekürzter Übersetzung: in Buenos Aires ■ o) Mühe, sich aus dem Stuhl zu erheben. Da kamen die Senorita und ein junger spanischer Herr zu ihm hin, und beide waren ihm behilflich, auf die Beine zu kommen. Nachdem er seinen An zug wieder in Ordnung gebracht hatte, dankte er für die Hilfe, murmelte jedoch auf englisch noch ein paar gereizte Worte. Die Senorita antwortete: „Sind Sie Engländer, Sir?" „Nein, ich bin Däne," antwortete Storm, wenig aufgelegt, das Thema weiter zu behandeln. Darauf warf er hin: „Es ist unerträglich mit diesen spanischen Dampfern. Bald ist es dies, bald jenes, worüber man sich zu ärgern hat. Ich habe die halbe Welt bereist. Die schlechtesten Schiffe sind die spanischen." „Sie sind vielleicht ein Globetrotter, Sir?" „Globetrotter oder nicht. Selbstredend bin ich Globetrotter. Das sind Sie ja ebenfalls. Wir wandern alle auf diesem Planeten herum" „Nun wohl." „Ich bin Journalist, und ich bin nach Argen tinien wegen der Weltausstellung und der Hun dertjahr-Feierlichkeiten (1910) gekommen. Aber alle Ausstellungen der Welt sind einander gleich. Mehr als sie interessiert mich dasVolks leben hier, und besonders interessieren mich die bonarensischen (Abkürzung für Buenos Aires als Adjektiv) Damen wegen ihrer eigenartigen exotischen Erscheinung.“ „Worin besteht die Eigenart der bonarensi schen Damen?“ „In ihrer malerischen Lieblichkeit, in etwas, das an die Märchen aus Tausendundeiner Nacht erinnert.“ Nach dieser Einleitung dauerte es nicht lange, bis Storm eine lebhafte Unterhaltung über die verschiedensten Themen mit der jungen Dame in Gang bekommen hatte. Sie hieß Senorita Dona Etsarkevig Br itham y R e s e d e s. Ihre Mutter war eine Engländerin, daher der Name Britham. Der Vater, der nicht mehr lebte, stammte aus Barcelona und war Postbeamter in Montevideo gewesen. Hier wohnte die Witwe auch jetzt noch, während Doria Etsarkevig in Buenos Aires bei einer Schwester wohnte, die ein Mode geschäft hatte. Da die Mutter sich darüber freuen würde, einen Besuch zu erhalten, der 848