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ein RuhekilTen betten, weil Mr. Otto H. und seine Getreuen für uns, für das Volk zu verdienen vorgeben. Die Entwicklung Otto H. Kahns ist im Einzelschicksal das Schicksal des industriellen Amerikas. Aufstieg ohne Niedergang, Erfolg ohne Rast, Triumph der Zivilisation, bewußtes Europäisieren. Durch den Europäer Kahn werden die Kunstfaktoren des Auslands in das Land hineinimportiert, die Förderung, die Achtung vor dem eigenen Können, der eigenen Literatur beginnt Wurzeln zu schlagen. Europa amerikanisiert sich unbewußt. Otto H. Kahn ist der Prototyp des sich unbewußt amerikanisierenden Euro päers. Kahn hat sein Geld und seinen Einfluß durch die Gründung der großen amerikanischen Eisenbahnlinien verdient, er hat sich nach I. P. Morgans ein maligem Ausspruch zum „Kronprinzen der Wallstreet“ aufgeschwungen, da (frei nach Präsident Roosevelt) „sein Antlitz der Sonne zugewandt war.“ Das sind so Aussprüche, die sich immer mit dem Namen Kahn wie auch die Metropolitan Opera, das Bankhaus Kuhn, Loeb und Co. und sein Sohn, der Jazzdirigent, ver knüpfen. So etwas ist wichtig, ein fester Bestandteil zu werden, und Kahn scheut nicht Mittel und Wege, um es immer zu bleiben. Sein amerikanisches Antlitz, diktiert von europäischem Herzen und neuweltlichvaterländischcr Gesinnung, kann und darf auf keinem Bankett, bei keiner Premiere, bei keinem Ereignis fehlen. Mr. Kahn fördert die Kunst, beruft Max Reinhardt, die Habimah- Truppe, die Dichter und Denker. Ein Wohltäter der Menschheit, der verdienen läßt, gescheiterte künstlerische Hoffnungen aufrichtet und daran verdient. Wollen Sie einmal Mr. Kahn sprechen? Bitte, er steht zu Ihrer Verfügung, William — Ecke Pinestreet in Manhattan, Bankhaus Kuhn, Loeb & Co. Wollen Sie Mr. Kahn hören? Bitte, er spricht in der Vereinigung junger amerikanischer Kaufleute über den Erfolg. Wollen Sie Mr. Kahn sehen? Schlagen Sie die Zei tungen auf, fragen Sie die Stars der Metropolitan Opera, fahren Sie im Sommer nach Miami Beach: Mr. Kahn ist überall. Man spricht gar nicht von Mr. Kahn, man sagt kurz Otto H. (Etsch), William — Ecke Pinestreet, der Liftboy fährt einen hinauf. Zu Otto H.? Bitte, zu H. Eine Minute warten, in der zweiten Minute darf man dem kleinen Herrn mit den grauen Haaren und dem Schnurr bart, den er aus seiner Mannheimer Husarenzeit noch beibehalten hat, gegen übersitzen und seine weiße Perle in der schwarzen Krawatte bewundern. „Aus meinem Leben soll ich erzählen? Halt, einen Moment“, er zieht die Uhr, „zehn Minuten stehen zur Verfügung.“ Einem echten Amerikaner, der aus Europa kommt, steht immer nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung, und Otto H. erzählt sehr geistreich und sprudelnd, daß sich seine Befähigung bereits in Mann heim als Lehrling erwiesen hätte: durch das Markenkleben. Damals brach er be reits den Rekord, auf schnellste Art eine Anzahl von Briefen mit angenäßten Marken zu versehen: dank seiner ausgeprägten Zungentechnik. Er meint, daß jede Arbeit, auch die kleinste, exakt gemacht werden müßte, daß man seine Phan tasie ruhig auch als Kaufmann beibehalten und sich trotz aller Arbeit Zeit zum Denken lassen sollte. Auf meine Erwiderung, daß ich alle diese Rezepte schon seit langem befolgt hätte, vom Markenkleben angefangen bis zum Denken, und immer noch nicht Millionär wäre, sah mich Mr. Kahn erstaunt an, und die zehn Minuten waren um. So machen europäische Amerikaner Karriere. 628