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wurde. Dazu braucht er kein Original. Ich denke mir mein Teil dabei, daß gerade dieses Bild hier hängt und kein anderes. Der große Durchbruch in der modernen Malerei hat zwei Heroen: van Gogh, der auf seinem Posten gefallen ist, von übermenschlichen Anstrengungen überwältigt, der nicht einmal ein Linsengericht für ein einziges von seinen Bildern bekam, die heute große Vermögen wert sind, und Edvard Munch, der gesiegt hat, der hier einsam sitzt, abgesondert von der Welt, die Tag und Nacht an seine Tür klopft und ihm Reichtümer bietet für die Bilder, die er so schwer aus den Händen gibt. Ich sehe auf einmal in dem etwas schwermütigen Gesicht die Ausdauer, die mehr als Ausdauer ist: Treue zu sich selbst. Warum fühle ich Ehrfurcht vor diesem Mann? Weil ich vor einem treuen Menschen stehe, der sein ganzes Leben lang unbeirrt seinen Weg gegangen ist. Dieser alte Mann, der jung geblieben ist, hat keine Spur von Künstlereitelkeit; meine Bewunderung wächst ins Un gemessene. Ich sitze an einem einfachen Holztisch zusammen mit diesem alten, starken Mann; ein gefurchtes Bauerngesicht spricht zu mir, vorsichtig, wie alte Leute, die im Leben vieles durchgemacht haben und zurückhaltend geworden sind. Ich suche nach Worten und finde sie nicht. Wie sollte ich ihm sagen, wie dankbar ich bin, endlich einmal vor einem Sieger zu sitzen, nach dieser un endlichen Reihe von Menschen, die alle Kompromisse geschlossen haben, um sich das Leben leicht zu machen; und angesichts dieses Irrenhausgartens des van Gogh, dessen Schicksal beweist, wie gefährlich es ist, sich selbst treu zu bleiben. Er versteht nicht, warum ich mit gesenktem Kopf sitze und schweige, weiß nicht, daß ich mich in Ehrfurcht vor ihm neige; und in der endlosen Reihe von Werken, die er in einem unaufhörlichen Furioso in zwei Menschenaltern geschaffen hat, dieselben drei bis vier abgrundtiefen Erlebnisse sehe. Munch hat beinahe nichts erlebt. Und doch, ihm gegenüber haben wir ändern nichts erlebt; nichts so erlebt wie er, unauslöschlich und für die Ewigkeit. Von der „Kreuzigung“ hat er selbst gesagt: „Ich habe bei all den verschiedenen Fassungen,, die ich diesem Thema gegeben habe, nie etwas anderes gestalten wollen als mein erstes Erlebnis.“ Da ist das junge Mädchen, bei dem das Geschlecht in angsterfüllten Kinder augen erwacht und dem die Furcht eiskalt durch die blumenschlanken Glieder rieselt. Da ist die alternde Frau in kaltem Blau, den Schal um die frierenden Schultern gezogen, die starrenden Augen in dem gespensterhaft ängstlichen Gesicht. Da ist die nordische Sommernacht, seltsam, beinahe unheimlich; Jubel und Weh in leidenschaftlicher Einheit. Da ist eine Klippenlandschaft, über der die Sonne aufgeht: die tiefvioletten Felsen weichen, rücken zusammen und öffnen sich wieder, dazwischen blüht Grünes, üppig Gelbes, da zieht sich das Grün der Wiesen zum blassen Fjord hinunter. Am Horizont die Sonne, die ihre funkelnden Strahlen über die ganze Welt ausstreut: Rot und glitzerndes Gelb, den grünblauen Himmel verzehrend. Da ist der Mann, Hans Jaeger, der nie in seinem Leben eine Unwahrheit gesagt hat, der Bohemien, der stirbt. Oder die Selbstbildnisse ... Da ist das Aage- und Else-Motiv des Lebensfrieses, das Eifer suchts-Motiv . . . und wir haben den Rundgang beendet. Munch holt ein Buch und gibt es mir; er schreibt meinen Namen hinein, das sieht ganz mystisch aus mit seiner offenen, unendlich gefühlsmäßigen Schrift. 4 625