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69 Große Aufregung erfaßte die Anwesenden. Die Mamaloi führte den blutenden Tierhals an ihren Mund und trank den zuckenden Körper leer. Schrille Schreie wuchsen aus der Menge. Neue Hähne wurden geschlachtet. Papalois fingen das Blut in Gefäßen auf und spritzten es wie Weihwasser über die einzelnen Gestalten. Nur so konnte der gute Geist Damballa in ihre Seele einziehen. Ein baumlanger, athletisch gebauter Neger sprang plötzlich vor mir auf und brüllte: „Commengons! Dance Calinda! Boudum! Boudum!“ Die Mamaloi goß Rum auf eine Schale mit Zuckerstücken und entzündete das Gefäß. Mit einem Ruck warf sie die bläulich zuckenden Flammenstücke zwischen die Menschen auf die Erde und sang den wilden Canga: Eh! Eh! Bomba! Hen! Hen! Ein Ring von nackten, schweißdampfenden Menschenleibern schloß sich um das Feuer. Immer mehr Tänzer gesellten sich dazu, Männer und Weiber, eng aneinander, rieben sich Körper an Körper im roten Feuerschein. Die Oberkörper, wie zu einer Einheit verschmolzen, wurden durch zuckende Schenkel, stampfende Beine um die lodernde Flamme getragen. Die Trommeln wirbelten schneller, der Menschenring drehte sich rasender. Gestalten lösten sich von dem Knäuel. Henckel, der eben noch neben mir gewesen, war verschwunden. Ich sah mich selbst plötzlich hineingerissen, inmitten springender, sich windender Mannweibpaare, nackt und schwarz, die Augen rollend, den Kopf schreiend zurückgebeugt, die weißen Zähne bleckend, lustvoll ächzend, verloren und hingeschmolzen in Sinnlichkeit, die Tanz und Feuer anfachte. Paare umarmten sich im Dunkel des Busches. Nacheinander sanken die Trommler erschöpft zu Boden; neue Arme brachten die Instrumente zu neuem Erwachen, zu einem neuen Ausbruch von Raserei. Endlich schwiegen die Trommeln. Alles stürzte mit Armen voll Holz herbei und trieb die Flamme bis zur Höhe der ragenden Palmen über uns. * Wie ein Spuk verschwanden die Menschen. Nach Stunden noch sahen wir, als wir uns umwandten, die Flamme aus tiefschwarzer haitischer Nacht emporlodern. Das fahle Licht der Morgendämmerung begann gerade das Dunkel der Nacht zu verdrängen, als wir in die menschenleeren Straßen von Jacmel einbogen. Henckel ritt nahe an mich heran, legte mir seine Hand auf die Schulter und zeig te mit dem anderen Arm auf die lodernde Bergflamme hinauf. Schwer und seltsam bohrten sich seine Augen in die meinen: „Wudu-Feuer“.