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63 formte Trommeln herab, die mit Ziegenhaut bespannt waren. Vor jedem Instrument stand ein Neger und bearbeitete es entweder mit einem kurzen Holzstück, oder er ließ Finger und Handfläche in eigenartiger Weise auf die Trommelflächen gleiten. Die Trommeln machten einen Riesenlärm. Die nackten Gestalten der Trommler glänzten vor Schweiß. Ein sehniger junger Mann, groß und schlank, mit breiten Schultern, barfuß in losen weißen Baumwollhosen, den Oberkörper entblößt, sprang in den Kreis der Anwesen den. Er warf sich in die Luft, drehte sich in rasend schnellen Pirouetten und stand plötzlich da, unbeweglich wie eine Statue. Dann marschierte er, sich bis in die Finger spitzen seiner Rolle bewußt, gravitätisch mit hahnenähnlichen Schritten auf und ab. Seine Bewegungen wurden mit einemmal locker und geschmeidig, mädchenhaft, wie ein Weib in hingegebener Verzückung — bis er sich wieder aufriß, hart und stoß weise. Streng richtete sich sein Rhythmus nach der Stärke der Trommelbegleitung. Es war unverblümte Sexualität, die gezeigt wurde, Lebensäußerung des männ lichen Tierchens, die der Neger frei und offen im Gegensatz zum Weißen z igte. * Der Mond stieg höher und kroch über die Palmgipfel der Lichtung. Mit einem Schlage schwiegen die Trommeln. Irgendwo krähten Hähne; ein Ziegenbock meckerte. Negerinnen stellten große Schüsseln mit dampfenden Speisen in die Nähe des Feuers. Abgehackt knatterte eine kleine Trommel fort. Eine Negerin sang: „Damballa goubamba — Kinga do ki la.“ Die Menge wiederholte: „Kinga do ki la“ und klatschte bei jeder Silbe im Takte in die Hände. Alle Augen richteten sich auf die Mamaloi, eine Negerin in weißem Kleide und roter Schärpe, die plötzlich in unserem Kreise auftauchte. Mehrere Trommeln fielen ein, monoton wie immer. . . Nicht höher, nicht tiefer, endlos gleich . . . Schwingend und dröhnend zitterten sie durch die Nacht. Man konnte sich gegen die Wirkung der Töne nicht schützen. Unbarmherzig bohrten sie sich ins Hirn; zwangen sich wie Fieber durch die Adern und lähmten alle Willens kraft und Energie. Die Mamaloi tanzte durch die Reihen der Sitzenden hin und her. Sie starrte vor sich hin, Schweiß strömte in Bächen von ihrem Leibe. Auf der Erde standen die Speisenäpfe. Kongobohnen mit gemahlenem Reis, Wassermelonen und Krüge mit Tafia, dem feurigen haitanischen Rum. Aus einer Schüssel spritzte die Priesterin Wasser über Speisen und Getränke. Der Gesang wurde lauter. Stärker pochten die Trommeln. Einem geschmeidigen Tiger gleich wand sich die Mamaloi durch die Reihen. Bald war sie vor mir- und berührte mich fast mit ihrem wogenden Körper. Im nächsten Augenblick war sie am entferntesten Ende und breitete ihre Arme über ein paar Wollschädel, als ob sie jeden einzelnen in Ekstase versetzen wollte. Die Massensuggestion wirkte. Immer starrer folgten die Blicke der tanzenden Ma maloi; die Schwüle legte sich schwer auf die Brust. Mattigkeit umnebelte die Sinne. Vor dem Feuer kam der rasende Wirbel des schwarzen Weibes zu einem plötzlichen Stillstand. Den Kopf zurückgeneigt, den Mund halb offen, die steilen Brüste stolz herausgestreckt, stand sie für einen Augenblick wie eine starre Bronzestatue. Wie die auflodernde Flamme dahinter, schien innerste Erregung durch den Körper empor zuzüngeln, durch den offenen Mund zu entweichen. Ein Schauer durchzitterte den Leib des Weibes. Es war, als ob eine fremde Macht von dem Körper Besitz ergriffen hätte und sich erst der neuen Umgebung anpassen müßte. Man reichte ihr einen schwarzen Hahn. Hoch hielt sie denselben über ihren Kopf. Direkt diabolisch sah das Weib aus mit dem emporgehaltenen, ängstlich krächzenden Vogel, dessen wildflatternde Flügel lose Federn in alle Windrichtungen schleuderten. Das Dröhnen der Ritualtrommeln schwoll zur Lawine. Wie toll drehte sich die Mamaloi um ihre eigene Achse. Der Hahn, nur bei den Füßen gehalten, breitete die Schwingen im Todestanz. Und die Negerin, als würde sie durch die Flügelschläge in die Höhe gezogen, wirbelte in toller Ekstase fort. Irrsinniger Fanatismus peitschte die Trommelhäute. Da — o Wunder — der Hahn krümmte krampfhaft seinen Hals und, als ob er sich mitten unter seinen Hühnern befände, krähte er laut gellend in die Nacht hinein. Wie Erleichterung ging es durch die Menge. Da blitzte unversehens die blanke Klinge eines Maschetmessers durch die Luft. Im weiten Bogen flog der Hahnenkopf zu Boden.