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26 Gaston kannte diese Taktik, hatte er sie doch selbst oft genug bei Auseinander setzungen mit Claudine angewendet. Mit Claudine zu sprechen, war also vollständig überflüssig. Es gab nur eines: kämpfen. Gegen den Gegner. Diesen Gegner unmöglich machen, ihm überlegen sein, ihn besiegen. Gaston drückte die Zigarette aus, stieß die Trümmer des Spazierstockes mit der Fußspitze beiseite und trat vor den Spiegel. Da, im Glas, ihm gegenüber stand ein großer, blonder, breitschultriger junger Mann mit strahlend blauen Augen und energischen Lippen. Er war tadellos gekleidet, und die blasse Perle in seiner grauen Krawatte war echt. Wenn man wußte, daß dieser junge Mann seine Prüfungen mit Auszeichnung gemacht hatte, eine Villa in Auteuil und ein schnittiges Auto besaß, so konnte man wohl keinen Augenblick im Zweifel sein, daß da kein Frauenherz widerstehen konnte. Und gar Claudine, die kleine, zärtliche Claudine, die ihn so sehr geliebt... „Lächerlich“, sagte Gaston halblaut, „wir werden uns ihn mal ansehen, den anderen, und dann ...“ Der junge Mann im Spiegel lächelte. Das glückliche, überlegene Lächeln des Siegers. Er sah ihn, den anderen, ohne daß der ihn sah. Zuerst von hinten, wie er neben Claudine die Treppen zu einer Terrasse emporstieg, wo sie anscheinend miteinander dinieren wollten. Er war kleiner als er, Gaston, paßte aber sehr gut zu Clau dine. Seine Haltung war gut, sein Anzug ausgezeichnet. Nur sein Gang... er mußte müde sein, oder ... Ja, das „oder“ stimmte. Gaston sah es sofort, als er das Gesicht sah: der Mann war alt. Gaston nahm an einem Tischchen Platz, eine Palme versteckte ihn vor den beiden, die nicht ahnten, daß sie beobachtet wurden. „Also mit einem alten Mann betrügt sie mich ... Wie unwahrscheinlich!“ Und doch, es war so. Er kannte Claudine. Er kannte dieses frohe Glänzen ihrer Augen, dieses hastige Erröten, diese kleinen, zärtlichen, heimlichen Gebärden, die ein Nichts waren und doch so viel: Berühren der Hand, Neigen des Kopfes, daß ihr dunkles Haar die Wange des anderen scheinbar zufällig streifte, lächelndes Spiel der Lippen ... „Es ist unwahrscheinlich ... ganz unwahrscheinlich ...“ Und es war doch so. „Ist das ein Gegner für mich?“ dachte Gaston. „Was kann er ihr geben, was ich ihr nicht tausendfach geben könnte? Er ist alt. Er wird Launen haben. Er wird sie mit Eifersucht quälen. Er wird ihre Jugend nicht verstehen, er wird ... ah, was kann er ihr geben?“ Und dann sah Gaston. Gaston sah, wie der alte Mann Claudine einen Schal um die Schultern legte. Es war das eine ganz kleine, ganz nebensächliche Angelegenheit. Und doch: wie oft hatte Gaston Claudine einen Schal um die Schultern gelegt und ... niemals so. Denn in dieser einen, kleinen Handreichung war alles: es war Beschützen darin, Fürsorge, Zärtlichkeit, Güte und Sorge. „Er macht das so, als ob sie ein kleines Mädchen wäre und er ihr Vater“, dachte Gaston.