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106 Madame Antonias Etablissement (Fortsetzung von Seile 102) Die weißen jungen Prinzessinnen gehör ten ihnen. Sie hatten ihnen die Kleider vom Leibe gerissen. Nun standen sie nackt und zitternd vor ihnen — ihre wehrlose Beute! Sie waren ihnen auf Gnade oder Ungnade ausgeliefert ... Sie würden sie vergewaltigen . . . verrecken sollten sie . . . Das Bewußtsein ihrer Macht steigerte noch ihren, Blutrausch. Der erste warf Natascha zu Boden. Ihr langes schwarzes Haar löste sich und hüllte ihre weiße Lieblichkeit wie ein Mantel ein. Sie tranken den kostbaren Wein aus Wasserkaraffen. Sie gossen ihn förmlich durch die Kehlen ... sie schäumten vor Lust... sie lachten laut und schallend . . . ihre Augen verdunkelten sich vor Gier . . . der Wein rann ihnen am Kinn herunter . . . er feuchtete ihnen die nackte, schweißige Brust ... Die Luft war dick von ihren üblen Ausdünstungen . . . auf dem Fuß boden schwammen Blutlachen . . . Einer von Nataschas bloßen Armen be rührte den Kopf ihrer ermordeten Mutter, während der entmenschte Mob ihren schönen Körper schändete . . . ihre Seele marterte .. . Maria Ivanovna versuchte, sich den ersten, der ihr nahte, vom Leibe zu hal ten, aber ein Messer wurde ihr hinterrücks in den schmalen Leib gestoßen. Sie fiel ohne einen Laut in sich zusammen. Na tascha fand ihren leblosen kleinen Körper kalt und starr ... das war am nächsten Morgen. Natascha war an dem Morgen halb von Sinnen. Waren es vielleicht nur Hirnge spinste? Das Niedermetzeln ihrer An gehörigen, ihre in Blut schwimmenden Körper, die Reitpeitsche, die die sinnlos betrunkenen Gesellen auf ihren wehrlosen Körper hatten niedersausen lassen, ihr schmerzender Körper . . . ihre tote Seele ... sie hatte zu Unmenschliches durchgemacht, um es sofort in seinem ganzen Umfange fassen zu können. Sie wanderte wie geistesgestört in den verödeten Zimmern umher, mit offenen Augen, aber ohne zu sehen, mit tastenden Händen, ohne etwas zu fühlen. Hinter einem Vorhang stieß sie auf den kleinen Körper ihres Brüderchens. Sie schob den Vorhang vollends beiseite und bemerkte, daß er noch leise atmete. Dies löste ihren ungeheuren Schmerz. Sie brach in Tränen aus. Dimitri erwachte. Eine tiefe Ohnmacht hatte ihn gefangen gehalten. Als er jetzt die schluchzende Natascha vor sich sah, dämmerte ihm, was geschehen war. Er schlang die Arme um ihren Hals, und beide weinten herz zerreißend. Sie waren die Einzigen, die von der gestern noch so glücklichen Familie übriggeblieben waren. Natascha zitterte wie ein Blatt im Winde . .. wie hatte sie den grauenvollen Frevel dieser Nacht überlebt? * Einige unentdeckt gebliebene Goldstücke ermöglichten Natascha und Dimitri die Flucht nach Konstantinopel. Wie sie aus Rußland einmal heraus waren, klappte Natascha völlig zusammen. Zu viel war über sie hereingebrochen ... Im öffentlichen Hospital in Stambul wich Dimitri nicht von ihrer Seite. Ängst lich beobachtete er ihr blasses Gesicht. Er wußte nicht, was alles an Entsetzlichem geschehen war, aber er sah, daß die Na tascha, die er gekannt hatte, nicht mehr war. Was vor ihm in den Kissen lag, war nicht mehr seine alte Natascha. Unbestimmt fühlte er, daß wohl nur der Gedanke an ihn sie überhaupt am Leben erhielt. Wenn er nur irgend etwas für sie tun könnte. Aber er war noch so jung und unerfahren, wie konnte er ihr helfen? Einmal hatte ein fetter alter Türke auf der Straße selt same Worte zu ihm gesprochen. Es hatte ihn maßlos erschreckt, und er war eilends davongelaufen. Ganz außer Luft und Atem war er damals im Hospital angekommen. Seine geliebte Natascha! Würde sie sich überhaupt von all dem Entsetzlichen wieder erholen können? Tag um Tag saß er in dem engen Krankenzimmer an ihrem Schmerzenslager und beobachtete ihr lebloses blasses Ge sicht. Das Jugendliche war aus ihren Zü gen geschwunden, es war einer traurigen Reife gewichen. Als sie eines Tages ihre dunklen, von tiefen Ringen umschatteten Augen klar zu ihm aufschlug, machte ihn dies so überglücklich, daß die hellen Freuden tränen ihm nur so die Wangen hinunter kullerten. Dimitri war noch ein halbes Kind, dem gottlob das volle Verständnis für alles, was in jener Schreckensnacht passiert war, fehlte. Langsam erholte sich Natascha unter der ärztlichen Fürsorge. Es kam der Tag, an