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mechanisch mit ihm zu den schmelzenden Weisen des Valse bleue. Ihre Gedanken arbeiteten fieberhaft. Ihr Vater würde helfen müssen. Er war einflußreich. Sicher konnte er etwas tun . . . Als sie später im schnell dahingleitenden Schlitten neben ihm saß — eine glitzernde weiße Schneedecke hüllte die Erde warm und weich ein — nahm Natascha all ihre Kraft zusammen und sprach. Sie erzählte ihrem Vater, was sie mit angehört hatte, sie flehte ihn an, Gegenmaßnahmen zu treffen. Das Leben eines Menschen stand auf dem Spiel. Die Last war zu groß für ihr empfindsames Gemüt. Ihr Vater lächelte. Ivan Nikolajewitsch hatte sein Leben lang am Hofe zugebracht, inmitten von Intrigen und Gefahren. Jeder, der dem Zaren nahe war und Hofluft atmete, mußte sich damit abfinden. „Das ist alles nicht so schlimm, kleine Natascha. Du hast keinen Grund, dich zu beunruhigen. Hast du dich übrigens heute abend gut amüsiert?“ Natascha sah den Vater verständnislos an. Glaubte er ihr nicht? Bedeutete ihm ein Menschenleben nichts? Hatte er sie überhaupt nicht verstanden? Maria Ivanovna war in ihrer Ecke sanft ein geschlummert. Ihr Gesichtsausdruck war der eines glücklichen Kindes nach der Weihnachtsbescherung. Natascha sprach erneut dringlicher auf den Vater ein. „Du mußt mir Glauben schenken, Papa. Ich habe wirklich jedes Wort deutlich verstanden. Bitte, laß das Gräßliche nicht zu!“ Er betrachtete sie aufmerksam. Ihre Augen flammten; ihr Ton war verzweifelt. Ivan Nikolaje witsch lächelte beruhigend. „Nadja, da du nun doch einmal Wind von der Sache bekommen hast, ist es vielleicht das beste, ich sage dir alles. Was du heute nacht erfahren hast, ist uns nichts Neues. Prinz Jussupoff hat gewichtige Gründe, Rasputin aus dem Wege zu räumen. Seine Motive sind rein persönlich, aber Tausende guter Russen fordern gebieterisch Rasputins Tod, um die Zarin, die unter seinem teuflischen Einfluß steht, von ihm zu befreien. Sein Tod liegt im Interesse ganz Ruß lands. Sein Verschwinden würde ein Segen für unser Vaterland sein. Du wirst also begreifen, kleine Nadja, daß wir alle das Gelingen des morgigen An schlages sehnlichst erwarten. Wir rechnen mit dem Erfolg. Wenn uns Gott zur Seite steht, werden wir die Welt von einem Dämon erlösen, der Rußland während des ganzen letzten Jahres unter seiner Gewalt gehabt hat. Mache dir keine Sorgen, Seelchen. Gott wird alles schon zum Besten lenken.“ Nataschas Augen wurden größer und größer. Die Worte ihres Vaters, des einflußreichen Generals Ivan Nikolajewitsch Yogoumiroff, erfüllten sie mit Ent setzen. In ihren Augen war auch dies nichts als brutaler Mord. Sie hielt solche Politik für verbrecherisch. Es war zum Verzweifeln. Der ganze Abend hinterließ einen bitteren Nachgeschmack bei ihr. Sie hatte fern von dem Chaos gelebt, in das Ruß land mehr und mehr hineinglitt. Sie wußte nicht, daß der Name des roten Teufels Rasputin in aller Munde gewesen war, mit Furcht oder Haß, mit Liebe oder Hoffnung, mit Gebeten oder Mord gedanken. Sie wußte es nicht. Die schattigen Bäume in Zarskoje Selo hatten all dies nicht zu ihr dringen lassen. Es war ihrem ersten Gesellschaftsabend in der großen Welt Vorbehalten geblieben, sie in plötz lichen Kontakt mit der rauhen Wirklichkeit zu bringen. Ihr ganzes Sein und Wesen empörte sich dagegen. Sie, haßte plötzlich ihren Vater, ihre Landsleute. Sie haßte die ganze Welt. Auch dem strahlenden Sonnenschein am nächsten Morgen gelang es nicht, ihre schwarzen Gedanken zu verscheuchen. Die Ereignisse jagten einander. Rasputin wurde am nächsten Abend ermordet. Sein von Schüssen durchbohrter Körper wurde einige Tage später aus der Newa geborgen. Es dauerte nicht lange und die Revolution brach aus. Innerhalb weniger Monate war das alte mächtige Zarenreich zertrümmert. Das Besitztum der Yogoumiroffs wurde zusammen mit allem übrigen Privateigentum konfisziert. Der Diener servierte gerade das Nachtmahl, als die eiser nen Gitter draußen gestürmt wurden. Der General erhob sich bei dem Tumult und ergriff eine schwere Pistole. „Gott sei uns gnädig“, flüsterte er tonlos. Die Frauen fielen sich zitternd in die Arme und drängten sich ängstlich in einer Ecke zusammen. Die Aufrührer waren inzwischen mit den Dienst boten ins reine gekommen. Sie hatten sich den Ein tritt ins Schloß schnell erzwungen. Es war ein rasender, blutgieriger Mob, der nur auf Raub, Mord und Plünderung aus war. Die Aufrührer schwangen brennende Pechfackeln. Die Weiber kreischten und johlten und zerstörten alles, was ihnen unter die Finger kam. Die wertvollen alten Gemälde wurden sinnlos mit Küchenmessern zerschlitzt, die Teppiche durch die von den Fackeln sprühenden Funken versengt. Ivan Nikolajewitsch stellte sich schützend vor seine Familie, in der erhobenen Rechten den Revolver. Er war der typische Edelmann, in seinem kost baren Gewand, in der gepflegten weißen Hand die Waffe. Auf den rasenden Mob wirkte er wie in der Arena ein rotes Tuch auf den Stier. Seine Minuten waren gezählt. Die wilde Horde drang auf ihn ein, und von zehn Bajonetten gleich zeitig durchbohrt, sank er blutüberströmt zu Boden. Tatjana verlor, bei dem furchtbaren Anblick das Bewußtsein. Eine der entmenschten Bestien stieß ihr ein langes Messer ins Herz. Da wurden einige der wüsten Kerle der jungen Mädchen gewahr, die sich ganz in der Ecke zusammen gekauert hatten. Sie rafften schnell das kostbare Silbergerät vom Tisch zusammen und warfen es in die Schürzen der wild johlenden Weiber, die, mit Schätzen schwer beladen, eilendst das Weite suchten. Der Weinkeller wurde geplündert und hinter ver schlossenen Türen ein Saufgelage veranstaltet. Di- mitri, der sich die ganze Zeit über hinter einem Vor hang versteckt gehalten hatte, wurde Augenzeuge, wie die schmierigen Trunkenbolde Maria Ivanovna ihr weißes Kleid vom Leibe rissen. (Fortsetzung auf Seile 106)