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weh nach Hause, nach ihrer Mutter. Sie mußte sich M€ „'Anscheinend gab er irgendwelche letzten Anweisun- ihr aussprechen, sie mußte sie fragen, ob wenigstens gen. Auf seinem blassen schmalen Gesicht spiegelte sie Verständnis für sie hatte. Sie wollte ihr von den sie fremd anmutenden Männern erzählen, von ihrem sich noch die heftige Erregung, in der er seine letzten Widerwillen, warum sie ihre Berührung nicht er tragen konnte, warum sie so anders fühlte. Warum mußte sie Maria Ivanovna heute abend verlieren? Warum mußte sie mit ansehen, wie die Schwester an diesem Treiben Gefallen fand? Warum konnte Maria Ivanovna so glücklich sein? Warum mußte sie ihr so schnell entgleiten? Nächstens würde wohl Dimitri an die Reihe kommen, oder würde ihr dies erspart bleiben? Sicher würde auch er eines Tages eine dieser glänzenden Uniformen tragen müssen. Auch er würde seine Arme um weiße Schultern schlingen und mit einer dieser juwelengeschmückten fremden Schönheiten tanzen . .. und sie, Natascha, würde dann ganz allein sein. Wie töricht von ihr, sich solche Dinge auszumalen. Wozu ? Sie würde jeden falls heiraten müssen. Sie war die Älteste. Was würde ihr weiter übrig bleiben? Von neuem warf sie ihrem Tanzpartner verstohlene Blicke zu. Der Gedanke an eine etwaige Heirat be rührte sie unangenehm. Sie blickte ihn entsetzt an. Er bemerkte es. Sie mußte sehr blaß geworden sein, denn er fragte sie, ob sie sich nicht wohl fühle. Er führte sie aus dem Saal und suchte ihr ein ruhiges Plätzchen in der Nähe einer mächtigen Palmengruppe im Wintergarten. Er verbeugte sich höflich vor ihr und versprach, in einigen Minuten wieder nach ihr zu sehen. Welche Wohltat für Natascha, endlich ein mal allein zu sein. Da saß sie nun, immer noch inner lich aufgewühlt durch ihr eigenes Entsetzen. Wo durch hatte sie sich nur so aus dem Gleichgewicht bringen lassen? Durch den Gedanken an eine Heirat? Sie brauchte sich damit doch nicht zu beeilen. Nie mand würde sie zwingen können, ihre Hand jemand zu reichen, der ihr widerwärtig war. Warum dann also dieser innere Aufruhr? Sie war vielleicht noch zu jung, aber war Maria Ivanovna nicht noch jünger? Das konnte also der Grund nicht sein. Sie stellte andere Ansprüche an das Leben. Sie sehnte sich nach innigem Verständnis ihrer Eigenart, nach tiefer, wahrer Freundschaft. Diese spielerischen Flirts waren nichts für sie. Sie wollte ernst genommen werden, sie wollte keine Tändeleien. Alle diese Männer, selbst ihr eigener Vater, gingen leichtsinnig und frivol durchs Leben. Man konnte sie nicht ernst nehmen. Das war es, was sie so abstieß. Sie hatte das Gefühl, daß er auch mit ihrer Mutter spielte. Er behandelte sie wie ein Püppchen. Sie sehnte sich nach Unaussprech lichem und sie wußte selbst nicht recht wonach. Sie wartete auf das große Wunder . . . Plötzlich fuhr sie erschreckt zusammen. In ihrer unmittelbaren Nähe wurde erregt ge flüstert. Unwillkürlich hörte sie zu. Zwei Männer hatten sich hinter der Palmengruppe niedergelassen, die ihren Sitzplatz verbarg. Die beiden konnten sie unmöglich sehen, vermuteten hier wohl auch nicht die Nähe eines Lauschers. Sie glaubten sich allein. Ihre Worte schlugen deutlich an ihr Ohr. Sie begriff, daß irgend etwas Entsetzliches im Gange war. Einer von beiden sprach besonders viel und eifrig. Als sie aufstanden, sah sie, daß er noch sehr jung war. Worte hervorgestoßen hatte. Sein Gefährte war an scheinend nur ein Werkzeug in seiner Hand. Seine Uniform deutete auf einen hohen militärischen Rang. Es interessierte Natascha plötzlich, zu wissen, wen sie vor sich hatte. Ohne es zu wollen, war sie Mit wisserin eines heimtückischen Komplotts geworden, dem sie äußerste Tragweite beimaß. Da kam auch schon ihr Tanzpartner zurück, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Noch ganz durchdrungen von dem soeben Erlauschten, ließ sie seine Frage unbeantwortet. Sie mußte unbedingt sofort wissen, wer die beiden waren. „Sie kennen doch sicher jene Herren“, fragte sie ihn ziemlich überstürzt. Er sah den beiden, die schnell im Gewühl des großen Saales untertauchten, maliziös lächelnd nach. Pikiert wandte er sich Natascha wieder zu: „Feuer gefangen, Prinzessin?“ Natascha errötete. Die Frage erschien ihr so ab surd, aber was konnte sie ihrem neugierigen Kavalier darauf erwidern? Sie konnte ihm doch unmöglich verraten, was sie gerade mit angehört hatte. Aber irgend etwas würde sie doch wohl in der Sache unter nehmen müssen. „Der Herr, der anscheinend Gnade vor Ihren schö nen Augen gefunden hat, ist Prinz Jussupoff. Aber ich kann Ihnen nur den guten Rat geben, sich nicht weiter um seine Gunst zu bemühen. Es wäre ver gebene Liebesmüh’. Der einzige, der ihn fesseln kann, ist einer der Großfürsten. Um seine gesellschaftliche Stellung zu festigen, hat er die Großfürstin Irene Alexandrowna geheiratet. Ein kluger Kopf, dieser Jussupoff . . . enorm reich . .. aber kein rechter Hin tergrund. Nur durch die Heirat mit der Großfürstin hat er seine Position am Hofe gefestigt. Selbstver ständlich sind seine Beziehungen zu dem Großfürsten ein offenes Geheimnis, aber niemand wagt, daran Kritik zu üben, es sei denn der fanatische Rasputin.“ Natascha hörte kaum noch zu. Die in größter' Er regung hervorgestoßenen Worte des jungen Menschen klangen noch in ihren Ohren nach. Seine Befehle hatten sich ihr unauslöschlich eingeprägt. „Vergessen Sie nicht den vergifteten Kuchen, di; Revolver ... die Musik ... die Benachrichtigung der Gefährten. Vergessen Sie nicht, daß es morgen nacht klappen muß, unter allen Umständen. Es gibt keine andere Lösung. Er muß sterben ... Er würde uns bei dem Zaren anschwärzen ... er würde alle meine Pläne durchkreuzen. — Vergessen Sie nichts. — Ich mache Sie verantwortlich . .. den vergifteten Kuchen ... die Revolver ... die Musik ... die Be nachrichtigung der Gefährten . . . morgen nacht. ..“ Nataschas Gedanken verwirrten sich, sie konnte nicht mehr klar denken. Was sollte sie tun? Sie war mitten in ein mörderisches Komplott geraten. Sie mußte irgend etwas unternehmen. — Wer war der Mann, der ermordet werden sollte? Warum plante dieser schöne junge Prinz, der alles im Leben zu haben schien, ein so gräßliches Attentat? Was sollte sie tun? Sie waren wieder im Saal angelangt. IhrTanzpartner nahm sie in den Arm, und sie drehte sich wie