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fluß ... sie konnte sich doch alles in Hülle und Fülle leisten. .. Warum schaffte sie sich keinen Lieb haber an, wo ihr Mann so viel in Petersburg war? Sie wußte nichts von der inneren Harmonie, die solcher Äußerlichkeiten nicht bedurfte. Tatjana war damit gesegnet. Sie hielt sich tatsächlich für das glücklichste Ge schöpf auf Gottes weiter Erde. Nichts schien in ihrem Leben zu fehlen. Ihr Mann war ein Meisterwerk der Schöpfung. Ihr Heim glich einem wahren Schmuckkästchen, ihre Kinder waren liebreizende kleine Geschöpfe, sie strahlten vor Gesundheit, jeder ihrer Wünsche konnte innerhalb weniger Stunden erfüllt werden, sie war in Einklang mit der ganzen Welt, nichts störte ihre Harmonie, sie würden auf Reisen gehen, irgend einmal, wenn Ivan Nikolajewitsch sich würde frei machen können . . . Sie würden dann vielleicht nach Paris oder sonst wohin fahren, aber zusammen. Ihr Glück verklärte die Atmosphäre des ganzen Hauses. Einmal hörte sie zufällig, wie Natascha zu Dimitri sagte: „Ich werde dich nie verlassen ... ich bin so glücklich hier zu Hause. Ich denke gar nicht daran, mich einmal zu verheiraten; aber wenn es absolut sein müßte, würde ich nur dich zum Mann nehmen.“ Die deutsche Erzieherin schüttelte miß billigend den Kopf, aber eine Geste Mamuschkas veranlaßte sie, zu schweigen. Warum sollten die Kinder nicht aneinander hängen? Das war doch nichts Unrechtes. Sie war ordentlich vergnügt bei dem Ge danken, daß sie sich zu Hause so wohl fühlten. Maria Ivanovna würde der Abschied vom Eltern hause wohl einmal leichter fallen als Natascha. Tatjana hatte ein untrügliches Gefühl dafür. Sie war so ganz anders geartet als die Schwester. Sie liebte Geselligkeit und würde das rauschende Leben in der großen Welt einmal mit vollen Zügen genießen wollen. * Als 1914 der Weltkrieg ausbrach, war Natascha gerade fünfzehn Jahre alt. Prinz Yogoumiroff wurde ins Große Hauptquartier beordert. Wie prachtvoll ihm die Uniform stand: Er war General, ein echter, wie er sein sollte. Dimitri hatte eben sein elftes Lebensjahr vollendet und be neidete den Vater glühend um seine prächtige Uni form. Er wollte auch so eine haben. Er fingerte an den Orden des Vaters herum und bestürmte ihn mit allen möglichen und unmöglichen Fragen über den Krieg. Natascha flößte der Krieg unsagbares Grauen ein. Daß ihr Vater auch hinaus mußte, daß er unschuldige Menschenleben vernichten sollte, welch gräßlicher Gedanke! Sie war zu einem ungewöhnlich schönen Mädchen herangewachsen. Ihre Figur war schlank, ihre Haut wie Elfenbein. Sie hatte viel und eifrig gelesen und hatte eine sehr idealistische Einstellung. Sie konnte den Krieg nicht gutheLßen. Sie konnte den Gedanken daran einfach nicht ertragen. Ihre Lebensideale wurzelten in Schön heit und Kunst. Mord, ganz gleich, von welchen Ge sichtspunkten aus, erschien ihr brutal und primitiv, selbst wenn er von der Regierung toleriert wurde. Ihr Herz war von einer großen Furcht beherrscht, daß eines Tages auch Dimitri zum Milität würde ein rücken und sich an dem Massenmorden beteiligen müssen. Ihr Vater war ihr praktisch ein Fremder geblieben. Sie empfing immer noch prächtige Geschenke von ihm. An Stelle des Spielzeugs waren jetzt echte Perlen getreten. Aber was wußte er von ihrer Seele . . und sie von der seinen? Nichts. Mit Dimitri war das anders. Er durfte einfach nicht gehen. Sie errechnete, daß, wenn der Krieg sich sieben Jahre hinziehen würde, auch Dimitri würde gehen müssen . . . Sie gedachte früherer Kriege, von denen sie gelernt hatte. Sie lebte in ständiger Angst. Die ersten zwei Kriegsjahre machten sich in Ruß land kaum bemerkbar. Der Zar kam nicht mehr so häufig nach Zarskoje Selo. Es schwirrten die wider sprechendsten Gerüchte in der Luft über einen fanatischen Priester, Rasputin, der einen ans Un heimliche grenzenden satanischen Einfluß auf die Zarin haben sollte. Der Zarewitsch litt von Geburt an an einer furchtbaren Krankheit. Rasputin sollte der einzige sein, der ihn heilen konnte. Aber gottlob blieben die Kriegsgreuel ihnen fern. Der mächtige Park mit den alten schattigen Bäumen, dem idylli schen grünen See, der dem geheimnisvollen Rauschen ihrer Blätter lauschte, ließ Krieg und Kriegsnot nicht bis zu ihnen durchdringen. * Natascha war inzwischen siebzehn Jahre alt ge worden. Sie sollte ihren ersten Hofball mitmachen. Maria Ivanovna blickte neiderfüllt auf Nataschas schimmerndes weißes Seidenkleid. Es war ein Pariser Modell. Sie sollte ihr neues Perlenkollier dazu tragen. Der Vater bestand darauf, daß sie in diesem Jahr in Sankt Petersburg bei Hofe vorgestellt wurde. Er freute sich ihrer exquisiten Schönheit und versprach sich viel von ihr bei Hofe. Er war stolz darauf, sie einzuführen ... Die Orden auf seiner Brust hatten sich in den letz ten zwei Jahren beträchtlich vermehrt. Maria Ivanovna verzehrte sich vor Eifersucht. Sie wäre zu gern auf den Ball gegangen. Sie war nur ein Jahr jünger als Natascha — warum mußte sie zu Hause bleiben? Ihre grünen Augen funkelten. Sie erinnerten an die Lichter einer Wildkatze. Sie hätte sich zu gern auch in einem Modellkleid bewundern lassen. Das Ab surdeste aber war, daß Natascha sich tatsächlich nicht das geringste daraus zu machen schien, bei Hofe vorgestellt zu werden; es war ihr total gleich gültig und nebensächlich. Sie freute sich nicht einmal über das wundervolle Kleid, zum mindesten merkte man ihr keinerlei freudige Erregung an. Und trotz dem, wie herrlich sie aussah ... ihr blasses Gesicht, ihre strahlenden Augen.. .ihr schwarzes, seidiges Haar. Maria Ivanovna brach in Tränen aus, sie wollte auch mit.