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französischen Schauspielerinnen bezaubern und in Bann schlagen. Hiervon durfte jedoch seine vergötterte Tatjana nie etwas ahnen. Ihr Heim barg eine Fülle kostbarer Perserteppiche und wertvoller alter Gemälde. Die Yogoumiroffs waren seit Jahrhunderten sehr begütert. Das Schloß glich einem Schmuckkästchen, warm und weich, angefüllt mit den herrlichsten Schätzen. Niemand konnte recht sagen, wieviele Dienstboten eigentlich im Schlosse herumwimmelten. Der Haus halt lief jedenfalls immer wie am Schnürchen. Da für sorgte der wohlbestallte Hausmeister, der ge räuschlos und zuverlässig seines Amtes waltete. Tatjana brauchte sich um nichts zu kümmern. Die Kinder hatten ihre Gouvernanten. Natascha wurde von einer Französin erzogen. Eine deutsche Er zieherin betreute Maria Ivanovna, eine englische Kindergärtnerin den kleinen Dimitri. Tatjana ließ sich stets um die Mittagszeit im Kinderzimmer sehen, wenn die Kleinen ihre Lek tionen beendet hatten und einen leichten Imbiß zu sich nahmen. Dimitri warf dann seine runden dicken Ärmchen liebevoll um Mamuschkas Nacken und hängte sich an sie wie eine Klette. Die kleinen Mädelchen standen auf und küßten der Mama die Hand. Tatjanas Be such im Kinderzimmer löste bei ihrer kleinen Schar immer helle Begeisterung aus. Sie schalt nie. Sie hatte stets für alles Verständnis. Sie brachte immer etwas zum Naschen mit. Sie ging mit ihnen ins Marionetten-Theater ... sie war zärt lich . . . und so wunderschön ... sie strömte den süßesten Wohlgeruch aus ... sie lächelte ... es war einfach herrlich, sie liebzuhaben. Natascha und Dimitri waren sich wie aus den Augen geschnitten. Beide hatten die Züge ihres Vaters, seine helle Haut, nachtdunkle Augen und sein blau schwarzes Haar. Maria Ivanovna glich mehr ihrer Mutter. Ihre Züge waren weicher, ihre Augen heller als die ihrer Ge schwister. Als Baby war sie einmal hellblond gewesen; ihr Haar war jedoch von Jahr zu Jahr etwas nach gedunkelt. Jetzt war es von einem lichten Braun. Maria Ivanovna war sanft und lieblich. Natascha wirkte ungestüm, couragiert und leidenschaftlich. Sie vergötterte ihr kleines Schwesterchen. Sie be mutterte sie, wo sie nur konnte, half ihr bei ihren schwierigen Aufgaben, steckte ihr heimlich alle Süßigkeiten zu, die sie selbst geschenkt bekommen hatte. Maria Ivanovna war sich bald der Macht ihres kleinen Persönchens voll bewußt und ließ sich mit dem Egoismus kleiner Kinder nach Herzenslust von ihrer älteren Schwester verwöhnen. Von ihrem Vater wußten sie wenig. Er ließ sich selten im Kinderzimmer sehen. Wenn er aber kam, brachte er ihnen stets wahre Wunderwerke an Spiel zeug mit.. . Lokomotiven .. . Motorboote . . . Auto mobile . . . Flugzeuge . . . Puppenhäuschen, in denen man elektrisches Licht ein- und ausschalten konnte ja, sogar einmal ein richtiges kleines Geschäftshaus, in dem winzige Fahrstühle auf und nieder fuhren.’ Sie hatten einen gütigen Vater, das war nicht zu leugnen, wenn nur sein Bart nicht so abscheulich gekratzt hätte . . . Natascha fragte aus diesem Grunde gar nichts danach, von ihm einen Kuß zu bekommen, sie küßte ihm lieber die Hand, die war zart und weiß! Natascha mußte im stillen darüber nachdenken, ob Dimitri wohl auch einmal solchen schrecklichen Bart bekommen würde . . . aber nein, das wäre ja überhaupt nicht auszudenken gewesen . .. man konnte sich überhaupt nicht vorstellen, daß er jemals so groß wie der Vater werden konnte . . . einfach un möglich . . . ganz zu schweigen von einem solchen Bart um sein weiches rundes Kindergesichtchen . . . Nein, Papa war doch ganz anders. Dimitri würde ihm in dieser Beziehung nie gleichen. Wie aufmerksam der Papa stets zu ihrer Mutter war! Er vergaß nie, ihr aus Petersburg ein Geschenk mitzubringen. Manchmal war es zwar nur ein Ring, für den sie wenig Verwendung hatte und mit dem man auch nicht einmal spielen konnte . . . aber ge legentlich brachte er auch Halsketten mit großen bunten glitzernden Steinen; damit konnte man dann doch viel Spaß haben. Mamuschka trug diese blitzen den Mitbringsel selten. Wenn der Vater zu Hause war, machte sie zwar manchmal große Toilette — wie wundervoll — es funkelte und blitzte dann alles an ihr, und sie sah einfach überwältigend schön aus. Und all dieser Aufwand, wenn sie ganz unter sich waren .. . wie seltsam! Die Kinder hatten kaum andere Spielgefährten. Sie waren sich selbst genug. Natascha übernahm in all ihren kindlichen Spielen die Führung. Die beiden Kleinen blickten bewundernd zu ihr auf. Sie gab allem den rechten Schwung. Wenn einmal etwas schief ging, hieß es immer gleich: „Natascha wird es schon wieder einrenken . . .“, wenn sie nicht recht wußten, was sie anfangen sollten, „Natascha wird schon etwas Nettes einfallen“. Sie war stets die Tonangebende und Erfinderische . . . fürsorgliches Mütterchen ... großherzige Schwesterseele ... sie las den beiden Kleineren stets jeden Wunsch von den Augen ab. Sie verstand es, die Gouvernanten, wenn sie einmal verärgert waren, diplomatisch schnell wieder zu besänftigen. Mamuschka hielt sich mit ihrer französischen Ge sellschafterin meist in einem der Salons auf und das lustige Treiben der Kinder drang kaum an ihr Ohr. Sie las mit Vorliebe französische Bücher, spielte wohl auch ab und zu einige Chopinsche Walzer auf dem Piano. Oft sah man sie müßig am Fenster stehen und ins Weite schauen . . . Sie hielt sich für sehr glücklich und die Welt für ein Paradies. Sie liebte ihren Gatten. Er war für sie der Herr lichste von allen. Häufig fragte sie ihre französische Gesellschafterin, die bereits einige Jahre bei ihr war: „Julie, finden Sie nicht auch, daß ich allen Grund habe, glücklich zu sein?“ Mademoiselle Julie wußte nicht recht, was sie darauf erwidern sollte. Ihr erschien ein so zurückgezogenes, monotones Leben reichlich trist. Sie konnte nicht begreifen, warum ihre Herrin nicht öfter ausging. Sie konnte nicht fassen, warum sie sich so wenig für neue Kleider interessierte ... sie schwamm im Über-