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sie gesichtsabwärts zu legen. Die genauen Arm-, Bein- und Kopflagen wurden von keinem Prüfling ganz richtig angegeben. Aber was das wichtigste war: nicht einem einzigen Polizisten, nach seinen sonstigen etwaigen Wahrnehmungen befragt, fiel es auf, daß die Kleidung der Puppe am ersten Tag über und über mit Blut bespritzt gewesen war, während sie bei dem zweiten Teil des Experiments keinerlei Flecken zeigte! Vor etwa zwei Jahren erging von dem Kriminalpsychologen Professor Myers in Philadelphia eine Einladung an eine Reihe von Rechtsanwälten, Richtern und höheren Kriminalbeamten zu einem Besuch in seinem Hause. Hier erklärte Professor Myers, daß er mit ihnen ein Experiment machen wolle, um ihnen den Unwert selbst von sol chen Zeugenaussagen zu beweisen, die von geschulten Personen kommen. In einem Saal des Hauses war eine Art großer Bühne hergerichtet, die ein Arbeitszimmer dar stellte. In diesem Zimmer spielte sich kurz folgender Vorgang ab: Auf einem Sessel am Schreibtisch sitzt Herr A, in der Hand ein Lederetui, wie es Juweliere für Perlenketten und Halsbänder verwenden. Ein Diener B tritt durch eine Tür auf der rechten Seite ins Zimmer und meldet Besuch. Herr A steht auf und geht seinen Besuchern, Herrn C und Frau D, bis zur Zimmertür entgegen. Alle drei setzen sich um einen in der Mitte des Zimmers befindlichen Tisch, bis Herr A bittet, sich ein über dem Schreibtisch befindliches Gemälde in der Nähe anzuschauen. Die drei Personen stehen jetzt einen Moment so, daß sie den Schreibtisch für die Zuschauer verdecken. Nach ein paar weiteren Minuten verabschieden sich die Besucher und HerrA begleitet sie durch die Tür auf der rechten Seite. Inzwischen tritt durch eine Tür links der Diener mit einem Glas Milch in das jetzt leere Arbeitszimmer und stellt das Tablett auf den Schreibtisch. In diesem Moment kommt Herr A zurück, und der Diener geht hinaus. Herr A setzt sich wieder auf den Sessel bei seinem Schreib tisch, schaut suchend umher und schreit plötzlich: „Ich bin bestohlen! Wo ist das Etui mit dem Schmuck?“ Hier endete das kleine, gänzlich unkomplizierte Theaterstück und die anwesenden Juristen und Kriminalbeamten wurden jetzt von Professor Myers aufgefordert, ihm schriftlich aufzuzeichnen, wer das Etui an sich genommen hätte und bei welcher Gelegenheit. Etwa die Hälfte der Herren gaben an, daß sie deutlich beobachtet hätten, wie der Diener das Etui an sich genommen habe, und zwar glaubten einige von ihnen, ihn bei seinem ersten Eintritt ins Zimmer, also bei Anmeldung des Besuchs, bei dem Diebstahl beobachtet zu haben (in Wirklichkeit war der Diener bei seinem ersten Eintritt dem Schreibtisch nicht auf mehr als drei Schritt nahegekommen) ; die anderen wollten gesehen haben, wie der Diener das Etui an sich nahm, als er sich allein im Zimmer befand, um die Milch auf den Schreibtisch zu setzen. Fast genau die zweite Hälfte der Herren hielten einen der Besucher, entweder Herrn C oder Frau D, für den Dieb, und zwar wollten sie ebenfalls deutlich den Vorgang der Entwendung gesehen haben. Alle diese Herren konnten sogar angeben, in welche Tasche der Dieb das Etui hatte verschwinden lassen, respektive wurde beschrieben, wie Frau D ihre Hand tasche geöffnet hatte, um den Schmuck darin zu verbergen. Und die Lösung? Tatsächlich hatte Frau D ihre Handtasche einen Moment ge öffnet gehabt, um in den darin befindlichen Spiegel zu schauen. Im übrigen hatte aber in Wirklichkeit keine von den drei beschuldigten Personen das Etui an sich ge nommen, sondern Herr A hatte bereits selbst in dem Augenblick, als der Diener den Besuch ankündigte, das Etui in die rechte, den Zuschauern ganz offen sichtbare Schublade des Schreibtisches gelegt! Von allen den in Kriminalsachen geübten Herren gaben nur zwei an, daß sie das Verschwinden des Etuis überhaupt nicht bemerkt hätten; den richtigen Vorgang’hatte aber auch nicht ein einziger beobachtet! Ähnliche Versuche sind übrigens schon vor Jahrzehnten von Franz von Liszt in Deutschland und von einem amerikanischen Rechtsanwalt ausgeführt worden; auch das Kriminalseminar in Philadelphia hat dergleichen Experimente gemacht. Über einstimmend wurde in allen diesen Fällen festgestellt, daß fast alle Beobachtungen der Beteiligten entweder grundfalsch waren oder doch in sehr wesentlichen Punkten von dem wirklichen Vorgang abwichen. Bei keinem einzigen Versuch aber waren es mehr als ein Zehntel der Anwesenden, die wirklich jede Phase des Experiments richtig wiedergeben konnten. Es muß natürlich den berufenen Stellen überlassen bleiben, die nötigen Schlußfolgerungen aus diesen Tatsachen zu ziehen. (Aus dem Amerikanischen von Frank Andrew.)