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Das Mirakel Ein Tischgenosse kündigte an, daß er sich ein lenkbares Luftschiff wünsche. „Ein lenkbales?“ fragte Fausto, sein Köpfchen hebend. „Wie sleibt man das?“ Gelächter antwortete ihm. Sobald er ein neues schweres Wort hörte, wollte er wissen, wie man es schreibe. Das Schreiben schien ihm eine sehr komplizierte Sache, und ob wohl er nie eine Feder in der Hand ge halten hatte, wollte er doch wissen, wie sich jene aus der Affäre zogen, die sich dieser schweren Worte bedienten. Er blickte um sich, an sich hinauf, hinunter, beleidigt durch das Lachen, mit dem seine Frage beantwortet worden war; dann wischte er sich den Mund ab, ließ sich vom Sessel herabgleiten und ging mit seinen kleinen Schritten fort, ohne zu grüßen. Man konnte die Quasten seines spitzigen Hutes von Tisch zu Tisch verfolgen — — ein Zuckerhut auf Wanderschaft. Er kam zum Lift, den ein Boy in roter Uniform mit goldenen Knöpfen bediente. Dieser öffnete ihm respektvoll die Tür und fragte, ohne mit der Wimper zu zucken: „Quel etage, monsieur?“ Fausto kannte die Frage, die an ihn schon in französischer, englischer, italieni scher und deutscher Sprache gerichtet wor den war. Er zog die rechte Hand aus der Tasche und zeigte Daumen und Zeigefinger. Der Liftboy drückte am Knopfe, der Auf- zug hielt im zweiten Stock — und einen Augenblick später klopfte der Kleine an die Tür zum Salon. — Dort saß die Mama, eine junge Frau von dreißig Jahren. So wie Fausto hatte auch sie ganz schwarzes Haar, ein braunes ovales Gesicht und einen feinen Mund. Ihre Augen waren grau, während die Faustos lichtblau waren der Ausdruck gesammelter, nach denklicher Ruhe fand sich aber auch im Antlitz des Kindes, versüßt durch große Sanftmut und Weichheit. „Bist du mir wieder davongelaufen?“ sagte Edmea vorwurfsvoll. Er bemächtigte sich ihrer, wie man sich einer Sache be mächtigt, und setzte sich auf ihren Schoß. „Mama,“ fragte er und nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände, „walum gehen wil nicht nach Hause. Weihnachten feieln?“ Edmea nahm ihm den Hut ab und drückte ihn an ihr Herz. „Weißt du, ich wünsche mil ein leben diges Lämmchen,“ fuhr Fausto fort, „weil die Goldstücke, die ich von der Tante ge- kliegt habe, schon alle gestolben sind.“ „Um dich zu verstehen, braucht man einen Dolmetsch,“ sagte Edmea lächelnd, „aber ich kann dir kein lebendiges Lämm chen schenken. — Was ist das für eine Idee!“ „Ein kleines Schaf — ein Schäfchen!“ „Das ist doch dasselbe.“ „Und walum gehen wil nicht nach Hause, wenn das Chlistkind kommt — und schen ken wil nichts dem kleinen Flanz?“ Franz war ein kleiner armer Knabe, den I 1 austo vor einigen Monaten kennengelernt hatte; beide waren gleich alt und Fausto beschützte den ändern und brachte ihm oft Lebensmittel. Er hatte ihm auch ver sprochen, zu Weihnachten heimzukommen und beim Christkind ein gutes Wort für ihn einzulegen. „Ja“ , sagte Edmea und konnte einen Seufzer nicht unterdrücken. „Der Papa wird zu Weihnachten Bakkarat spielen; er wirft unser Geld zum Fenster hinaus.“ Fausto fixierte das Fenster mit weit offenen Augen. „Mama!“ „Liebling?“ „Ich seh es nicht. . .“ „Was denn?“ ,,Das Geld dlaußen beim Fenstel.. .“ Edmea konnte ihre Erregung nicht mehr zügeln. „Das heißt, daß Papa beim Bakkarat unser ganzes Geld verschlingt und uns ruiniert.. .“ Fausto schwieg und setzte sich auf den Teppich. „Hast du die Schokolade getrunken?“ fragte Edmea und beugte sich nieder, um ihm sein Kittelchen auszuziehen. — 66t