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Die Expedition Er spürte die gute Luft des Hügels, den Ge ruch der Wiese, den Duft der Hagerose. . . So geschah es, daß das schöne Register von Farben, Düften und Träumen unmert lich zu einer Sammlung wurde. Herr Des- courtil wagte nicht mehr seine Schmetter linge als „den vom Mayenhügel, drei Kilo meter von Capesteß" oder „den großen Gel ben vom Arsamendibach“ zu bezeichnen. Er lernte — der arme Mann! — die barbari schen Namen, mit denen die wissenschaft geblähten Menschen jene lustbeflügelten Tiere getauft haben; und dann klassifizierte und etikettierte er sie und begann schließ lich anderswo als in den Wiesen, den Wäl dern und an den Bächen die Exemplare zu suchen, die ihm fehlten. Es gab keine fröh lichen, ruhigen Winter mehr, keine Aus flüge in Traumwolken, die vergessen lassen, daß der Kalender gerade seine kürzesten Tage abwickelt. Er saß mitten zwischen Fo lianten, büffelte darin, als ob es unregel mäßige griechische Verben wären; und dann lief er auch bei Händlern herum und durch stöberte andere Sammlungen. Er sah nicht mehr die jauchzenden Farben: er sah nur noch die Namen, die darunter standen. Und er begann, das zu kaufen, was er früher mit soviel Lust in der glühenden Sonne des Sommers erjagt hatte! * Es gibt wahrhaftig sonderbare Gewerbe! Da ist zum Beispiel eines, wo man mit Schrullen handelt, die wie arme kleine Kin der in der Schule unter den Augen des Lehrers brav nebeneinander sitzen, vernünf tig wie die Bilder, die der Dichter in seinem Gehirn aufbewahrt, um sie gelegentlich zu beleben. Da ist z. B. in Paris einer, der Schmet terlinge repariert! Seine Schätze füllen seine Wohnung, die in einer ruhigen Straße liegt und mit den Fenstern nach einem kleinen Hof geht, wo der Lärm von Nähmaschinen und Küchen aufsleigt. Es ist weder ein Mu seum noch ein Magazin: es ist ein unvor stellbares Schmuckkästchen ganz wie aus dem Feenmärchen. Ein Operationstisch, ein Gestell, auf dem die Farbtöpfe angereiht sind, Phiolen mit grünem, blauem, schar- lachrubin-, amethyst-, sepia- und veilchen- farbigem Puder, und auch Phiolen mit Gold- und Silberpuder: das ist sein Far benschatz. Und Pinsel, Zerstäuber, Skalpells und andere kleine feine Instrumente, spitzige, flache und gekrümmte... In die ser Umgebung lebt der schmächtige Herr, der Flügel repariert, Fühler ersetzt, Beine anleimt, Augen nachmacht, vertrocknete Leiber wieder aufbläht und allen diesen kleinen Fliegern der Sonne oder der Nacht, die unter den schönsten Himmeln der Erde geflattert sind, das Aussehen schlummern den Lebens gibt. Auf dem Tisch liegen Schachteln mit glä sernen Deckeln und beängstigenden Auf schriften: Helicopis — rechten Flügel repa rieren; Argemme — linker Fühler zu er setzen; Children —etwas Grün auftragen; Pfauenauge — die hinteren Augen ersetzen; Ixias — den Saum verstärken . . . Einer Ixias den Saum verstärken! ... dem Pfauenauge die hinteren Augen er setzen! Was für Wagnisse!! Das ist keine Kunst mehr, das ist Zau berei. In diesem Wunderschloß, wo die Kostbarkeiten sich niederlassen, die unter den Tropen dahingeschwebt sind, die gro ßen stolzen Schmetterlinge Südamerikas und Indiens, die kleinen Falter des Nor dens — in diesem Wunderschloß also emp fängt euch der Zauberer, wie ein Kauf mann, mit denselben Worten, die man auch hinter dem Tisch eines ganz gewöhnlichen Ladens hören kann. Aber hierher kommen die Kunden, um die hintern Augen eines Pfauenauges ersetzen, den Saum einer Ixias verstärken zu lassen! Der Zauberer hebt den Deckel, prüft, macht einen Voranschlag . . . einen Voran schlag! .. , für Schmetterlinge .. ! Man han delt, man verständigt sich, und wenn ihr fort seid, dann nimmt der Zauberer seine Brille, streift die Aermel hoch, reibt sich die Hände ... er ist zufrieden ... er wird ein Wunder reparieren. . ! und er hat es wirklich repariert! Es ist zum wahnsinnig werden! * Aber es gibt Dinge, die sich nicht kaufen lassen, und das ist die Rache jenes Glücks, das man früher mit soviel Appetit gekostet und jetzt im Stich gelassen hat. Als Herr Descourti! eine Drurya Antima- chus erstehen wollte, da wurde ihm geant wortet, er möge nach Afrika und dort wie derum nach Guinea gehen, sie fangen, wenn sein Herz ihn treibe.