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Ein Paar goldgestickte Pantoffel. Von Anders Eje „Und Sie auf hundertfünfundzwanzig!“ „Ja, das weiß nun ganz Tigre. Man hat mir gesagt, Sie seien Schwede.“ „Dann hat man nicht gelogen.“ „Schriftsteller?“ »Ich schreibe ein wenig. Wennschon . . .“ „So, so! Ich muß Sie heute morgen mit meinen Repetitionen tüchtig gestört haben.“ „.Das will ich nicht leugnen.“ Kesser drückte mich in einen Stuhl und redete weiter in mich ein: „Ich sage wie die Kinder: verzeih, ich will es nie mehr tun. Wie Sie wissen, reise ich morgen früh ab. Lassen Sie uns Freunde werden. Wollen Sie heute abend mein Gast sein?“ Rund um uns her begann man mich mit neidischen Rlicken zu betrachten. Ich schlug ein es war wohl der Champagner. „Gern. Und besten Dank.“ Jetzt lehnte sich der Deutsche ganz an mich. Er roch nach amerikanischem Whisky. „Ich habe ein Christbäuinchen,“ sagte er, „ein kleines Christbäumchen. Wir treffen uns in meinem Zimmer um zwölf Uhr.“ * In den Richterregeln des schwedischen Gesetzes steht geschrieben, daß ein aufrich tig und ehrlich abgelegtes Geständnis den Richter zur Milde stimmen solle. Es war vier Uhr am Morgen des Weihnachtstages, als ich meinen irdischen Teil von hundert fünfundzwanzig nach hundertsiebenund zwanzig navigierte. Was sich während die ser vier Stunden ereignete, ist eine Ge schichte für sich. Ganz für sich. Um neun Uhr morgens schlief ich wie ein toter Habicht. Jemand klopfte an meine Tür. „Herein, schrie ich schlaftrunken, „zum Kuckuck, herein!“ Die Klinke ging auf und nieder, aber die Tür rührte sich nicht. Eine Stimme: „Es ist zugeschlossen!“ Als ich öffnete, stand der Deutsche da, voll angekleidet, nüchtern und morgenfrisch, als hätte er sich um acht Uhr am Abend nach einem Glase Magermilch niedergelegt. „Guten Morgen, lieber Anders Eie,“ sagte er. „Wie geht's?“ „Ja , erwiderte ich und diesen Rescheid mochte er sich deuten, wie er wollte. „Hast du nicht ein Paar rote goldge stickte Pantoffeln hier?“ fragte George und begann sich umzugucken. „Pantoffeln? Pantoffeln? Goldgestickte Pantoffeln? Du bist närrisch geworden. Geh’ und leg dich nieder!“ Ich hatte dies kaum geäußert, als der Deutsche unters Reit kroch und mit einer gewissen gemächlichen Refnedigung wieder auf tauchte, in der Hand — ein Paar recht abgenutzte goldgestickte rote Pantoffeln, mit hohen Kappen vorne und hinten; sie sahen nach russischer Arbeit aus. „So n Lümmel von Schuhputzer!“ sa<de George, „stellt die Pantoffeln in dein Zim mer statt in meines. Ich setzte sie heute morgen zum Abbürsten vor die Tür. Mit einem Pantoffel in jeder Faust nahm der Schauspieler herzlichen Abschied, um armte mich, daß meine Piückenmuskeln schmerzten, und das letzte, was er sagte, war: „Wenn du im Januar nach Rosario kommst, so vergiß mich nicht! Klingle nur beim Iheater an, dann erhältst du meine Adresse. Schönen Dank und Lebwohl.“ * Als ich einige Monate später das damalige schwedische Konsulat in der Calle Rivada- via aufsuchte, lag ein Rrief an mich da, der folgendermaßen lautete: „Lieber Freund! Ich muß Dir wirklich danken für da mals — in Tigre. Das haben wir gut gemacht. Aber vor allem laß Dich um Entschul digung bitten, daß ich Dich nach der La gune schickte; es war eben notwendig. Ich erwartete ja einen Resuch des kleinen Polizeileutnants und wollte ungern meine Goldgestickten in seine Hände fallen lassen. Darin lagen näm lich, wohl eingenäht; sowohl die Perlen, wie die Ringe, Ketten usw. Sobald Du fort warst, stellte ich die Pantoffeln vor Deine Tür; kann ich dafür, daß der Schuhputzer sie unter Dein Rett pla cierte? Es war übrigens seine verfluchte Schuldigkeit! Ein Paar alte Pantoffeln!. Dein ergebener George Kesser. P.S. Ich hätte Dich ja auch beinahe tot geschossen! Du nimmst es doch nicht übel, Anders: Ich hab’ Dich wirklich lieb gewonnen! D. 0. Autorisierte Uebersetzung von Emilie Stein. 652