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Ein Paar goldgestickte Pantoffel vellen-Kesser gemeinsam hätte: lange hagere Figur, an den Seiten zusammengedrücktes ovales Gesicht, Raubvogelblick, Adlernase, gefurchte Mundwinkel, vorspringender Kinnbogen, das Ilaar ein glänzend schwar zes Metallkäppchen. Der Portier war beauftragt, mich zu ver ständigen. Ich hatte noch nicht zehn Minuten da gesessen, als das verabredete Zeichen ge geben wurde. Das war er also! Na, ich muß sagen: ein breitschultriger kleiner Herr mit ein bißchen ins rote oder vielleicht eher ins fahlrosa spielendem Haar. Eine Buffofigur, aber keineswegs ein Othello. Ein Bauernfänger, aber durchaus kein Cagliostro. Mit meinem George Kesser hatte der Deutsche nur die Nationalität gemein. Und mit einem stillen Glückwunsch für den Mann — denn mein Novellen-Kesser war ein begabter, aber sehr unglücklicher Mensch — bestieg ich den Esel und trabte der tropischen Lagunenmärchenwelt zu. Es war nicht der Hunger, der mich schon um vier Uhr heimtrieb. Wenn man den Hut nur unter den Baum zu halten braucht, um ihn sofort mit den wunderbarsten Süd früchten gefüllt zu sehen, kann man kaum den Hunger als Vorwand gebrauchen. Aber ich hatte ein unbestimmtes Gefühl, daß sich drüben im Hotel irgend etwas ereignen werde — überdies war es ja Christabend. Das Maultier leistete sich einen gemüt lichen Irab und in weniger als einer Stunde waren wir vor der Eukalyptusallee, die zum Hotel führt. Da fiel ein Schuß und in dem selben Augenblick vernahm ich das Zischen einer Kugel, die dicht an meinem Ohr vor überfuhr. Sie schälte daumenbreit die Rinde eines Baumes und schlug in den nächsten ein, jedoch so wenig tief — so viel von ihrer Geschwindigkeit hatte sie bereits ver loren , daß ich sie ohne Schwierigkeit mit meinem Federmesser herausklauben konnte. Es blieb kein Zweifel: es war eine Re volverkugel, wenn auch jetzt ein bißchen abgeplattet von dem Anprall gegen den Baumstamm. Das Kaliber von sieben Milli meter deutete auf eine europäische Waffe; daß sie von unserem kleinen Hotel kam, war ebenfalls nicht zu bezweifeln. Das Projektil konnte eventuell noch von Inter esse sein ich ließ es in die Westentasche gleiten. Der Vorplatz des Hotels wimmelte. Die Gäste umschwärmten das große Entree, wo die Goldschnüre des Portiers im Sonnen schein funkelnde Strahlenbündel entsand ten. Arme gestikulierten in der Luft — es war wie eine von Max Reinhardt in szenierte Massenwirkung. Die Südamerika ner sind expressiv. Hier bedarf es keiner I ragen: Was gibt es? Was ist geschehen? Verhalte dich zwei Minuten still und du erfährst alles. Es war der Mann vom Zimmer hundert fünfundzwanzig, der Schauspieler George Kesser aus Berlin und Buenos Aires. Vor kaum einer halben Stunde war eine Poli zeipatrouille unter Befehl eines Offizials aus La Plata eingetroffen und hatte nach einem Manne gefragt, der so und so aussah: Rotes, hellrotes Haar, Profil nicht ganz unähnlich einem Schwein, einem schönen Schwein vielleicht. . . Wessen man ihn denn verdächtigte? fragte der Portier vorsichtigerweise — denn wenn es Politik war . . . I nein, bloß ’n kleiner Raub. Na ja. so ganz klein übrigens nicht. Ein Perlen halsband, etliche zwanzig Ringe, ein halbes Dutzend Armbänder und ein paar Ketten, insbesondere eine Kette mit einem Brillan ten, so groß wie eine gewöhnliche Re volverkugel, ein paar tausend Pesos wert. Der Mann sollte gestern abend angekom men sein, die Spur war so frisch, daß sie roch. Und dann nochmals das Signalement, sicherheitshalber. „Gut,“ resignierte der Portier, „es kann kein anderer sein als Nummer hundert fünfundzwanzig, erste Etage rechts, ein Schauspieler, ein Deutscher, Kesser. Er probt.“ Der Polizeileutnant rieb sich die Hände. „Adelante! Schön! Die Vorstellung kann gleich stattfinden. Nimm du das Entree, Pamilo: zehn Pesos das Parkett, die Or chesterfauteuils für die Diplomatie.“ Der junge Mann lachte über seinen eige nen Einfall und dann ging es hinauf nach Zimmer hundertfünfundzwanzig. Weit hin aus in den Korridor hörte man George Kesser deklamieren: „Siebenfacher Tor der, der mich hinters Licht zu führen glaubt. Hundertfach un glücklich der, der diesen Versuch wagt! Das Mädchen ist mein, sowohl mit dem Rechte des Stärkeren wie des Zuerstkom menden. Du, mein lieber Graf . . 650