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von Anders Eje heiligen Büffelhorn des Ganges, samt und sonders verhext. Welche Augen, welches Haar- . . . Meine Herren, ich fordere, unter Stillschweigen gehört zu werden — hinaus mit dem Wucherer —■ das Mädchen bleibt bei mir —■ sie bleibt bei mir, verstanden? Hallo, was plappert ihr da, ihr Narren? Dann ward es still, ganz mäuschenstill, denn auch der Ventilflügel hatte plötzlich seine Tätigkeit eingestellt; er war wieder einmal in Unordnung. Ich selbst war hell wach geworden. Das bisher leere Zimmer neben mir hatte also einen Insassen bekommen, einen Argen tinier, der deutsch sprach oder, was noch wahrscheinlicher war, einen Deutschen, der spanisch sprach. Der Schuhputzer hatte recht., als er behauptete, die Hotelwände seien dünn wie Papier. Während ich langsam ein weißes Leinen kostüm anzog — dem Feiertag zu Ehren frisch gewaschen ■—, hörte ich, wie der Hotelbursche unten im Hof hantierte. Jetzt hatte er den Wasserschlauch in den Händen und plötzlich schoß zwischen seinen Fin gern der sprühende Strahl hervor. Ein küh lender Wasserstaub, der sich nach dem Flusse zu in starken Regenbogenfarben brach, setzte die Temperatur sogleich um einige Grade herab. Ich hörte meinen Nach bar zu den Lattenfenstern treten, die in ihren Eisenangeln knirschten. ,,Gut,“ murmelte er mit einer ganz ande ren Stimme, „ausgezeichnet. Nur weiter, mein Lieber, nur weiter!“ Dann aber brach es wiederum los. Eine Tenorstimme, ein Othello-Organ, ein Berg rutsch von Flüchen, ein ganzes Raketen bündel zischender spanischer Vokabeln. Jetzt hatte ich genug von dem ohrenbe täubenden Spektakel. Was für eine ver rückte Schraube das wohl war? Man würde mir ein anderes Zimmer geben müssen . . . Im Vestibül hing die rotliniierte schwarze Tafel mit den Namen der Hotelgäste. Sie war mit Kreide vollgekritzelt — meinen eigenen kurzen Namen hatte der Portier glücklich an zwei Stellen falsch geschrie ben. Die Nummer meines Zimmers war hundertsiebenundzwanzig; der Deutsche mußte also die Nummer hundertfünfund zwanzig bewohnen. Dort stand der Name George Kesser. * Ich gestehe, daß ich zusammenfuhr. So hieß meine erste Novellenfigur! Einen internationalen Schwindler, der in einer Anzahl kühner Abenteuerstreiche in der neuen und alten Welt die Hauptrolle spielte, hatte ich George Kesser getauft —• ein vollkommen phantastischer Name, un gefähr auf dieselbe Art komponiert, wie wenn der Zeichner seinen Stift auf eigene Faust einen Schnörkel machen läßt — die Feder schrieb ein G und der Name floß von selbst heraus. Nun hatte ich einen leibhaftigen Menschen just dieses Namens als Zimmernachbarn in einem kleinen Hotel in Tigre. Ich trat zur Portierloge. „Sie haben mir einen Nachbarn ge geben . . .“ Das Achselzucken des Portiers war höf lich bedauernd. „Unbedingte Notwendigkeit, Senjor, da so gut wie alle Zimmer besetzt sind. Ich hatte zwischen einem Handelsreisenden und einem Schauspieler zu wählen und gab Ihnen den Schauspieler. Handelsreisende pflegen so verdammt zu schnarchen — oder sie spielen Karten und das ist auch nicht viel besser. Uebrigens . . .“ „Uebrigens?“ „Hat der Schauspieler noch einen anderen Vorteil: er reist morgen früh ab und der andere bleibt vierzehn Tage hier.“ „Aber der Schauspieler brüllt.“ „Entschuldigung, Senjor, er probt. Aber das Uebel ist vorübergehend, und Sie plan ten ja ohnehin, die Lagune zu besichtigen. Wollen Sie es nicht heute tun.“ Und der Portier lächelte verführerisch. „Sie werfen mich also hinaus?“ „Da sei Gott vor. Aber Herr Kesser sagte, er müsse heute den ganzen Vormittag proben.“ „Gut, ich reite nach der Lagune. Be sorgen Sie mir für zehn Uhr einen Esel.“ Der Portier zeigte seine kreideweißen Zähne unter dem blauschwarzen Schnurr bart und führte die Hand an die Goldborte der Mütze: „Buen!“ Ich frühstückte unten in der Halle: ein paar Pfirsiche und einige grüne Feigen mit kühlem hellroten Inhalt, und wartete dar auf, Herrn George Kesser in Sehweite auf tauchen zu sehen. Es gelüstete mich festzu stellen, ob er einige Züge mit meinem No-