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von Kasimir Edsdimid fremd. Die Gesten der Bailarinas findet es lächerlich. Es kennl ihre Ursprünge aus den Mythen, aus den Maurenzeiten und aus den Corridas nicht. Barcelona hat rechts von der Rambla, wenn man vom Paseo de Gracia zum Hafen hinuntergeht, ein tolles Viertel, das eine Brutstätte der Tänzerinnen ist. Während in Sevilla die Tänzerinnen wie die Orangen wachsen, scheinen sie in Katalonien vor Elektrizität zu explodieren. In diesem Vier tel ist die wirtschaftliche Größe Spaniens in einer fast hypnotischen Weise zusam mengedrängt. Auf den Bühnen dieser Cafe chantants haben formidable Karrieren angefangen. Es gibt in Spanien keinen Snobbismus, der junge Talente gesellschaftlich oder mit ge mieteten Sälen startet. Sie müssen in die Konzert-Cafes hinein und müssen aus ihnen wieder herauskommen wie Kokotten. Sie tanzen in wundervollen Schals, die ein Vermögen darstellen, und kommen ange zogen durch den Herren W. C. wieder her aus, genau wie die tanzenden kleinen Dir nen, die sich in der Calle de San Pablo einen Schläfer suchen. Diese Kontraste sind faszinierend. Es gibt hundert Lokale, wo man nur die Getränke zahlt und in einer Bretterbude sitzt und alle fünf Minuten ein Mädchen auftreten sieht, das für einen Mann unver geßliche Gebärden hat, woran kein Laster und keine Tugend hindern kann, und wo man kurz darauf dasselbe Mädchen durch den einzigen Bühnenausgang, der in den Saal führt, in ihre Privatexistenz zurück kehren sieht, mag eine distinguierte Mutter oder ein scheußlicher Papa auf sie warten, oder mag sie sich im Vorraum eine halbe Stunde später um zehn Peseten anhieten. Ein wenig heiser: „Diez Pesetas, Senjor. Irrtum Vorbehalten, Exzellenz.“ Oh die Frauen auf einem Tisch oder in einem eleganten Variete tanzen, sie sind mit einer bestimmten Aengstlichkeit ange zogen. Es scheint, als seien sie aus ihrer Familie oder aus ihrem Bordell beim Tan zen in einen Urlaub geschickt, der sie mit unerschütterlichen Gesetzen umfaßte. Es gibt überhaupt kein Fleisch zu sehen. Die hohen seidenen Strümpfe und Trikots verdecken das kleinste Stück Haut. Sie tragen den langen Rock, der bis zu den Knöcheln geht und wie eine Schlange um sie rauscht. Die europäischen Tänzerinnen werden wie die untalentierten Frauen um so lang weiliger, je nackter sie werden. Sie haben keinen Sinn dafür, was das eigent liche Geheimnis des Körpers ist. Die europäischen Tänzerinnen, die Auf gaben und Missionen in ihrem Beruf zu haben glauben, benutzen ihre No dl t at, um Geistigkeiten darzu stellen, die mit Tanz und mit Fleisch nichts zu tun haben, aber albern sind. In Spanien sprechen die Weiber durch enorme Vermummungen. Aber wie sic unter den Kleidern erotisch werden können, ist eine tolle Ueberraschung. Das Publi kum feuert sie an und sie antworten mit den Augen und mit dem Bauch. Der Kopf und der Oberkörper sind dabei unbeweglich wie Statuen, was. einen ungeheuerlichen Eindruck macht. Sie sind nicht starr, son dern voll gebäumten Lebens wie die be deutenden Plastiken. Die Dämonie einer liefen Leidenschaft, die aus den Beinen heraufschlägt, hat sich in einer großartigen Ruhe in dem Oberkörper gestaut, dessen