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von Kasimir Edschmid den diese liebe Nation dem Eros entgegen bringt. Wenn die Blutkämpfe und der Tabak und das Hasardieren die Narkotika des Spaniers sind, so ist der Tanz, den seine Frauen aufführen, die Devotion, die er vor seinem Hochmut macht. Er salutiert durch die Tänzerinnen seine Vergangen heit. Wahrscheinlich empfindet er in ihnen das Glück, Spanier zu sein, im höchsten Maß. Die Tänzerinnen haben daher eine ge sellschaftliche Stellung, die sein mag, wie sie will, die aber niemals dadurch beein trächtigt ist, daß die Frau öffentlich tanzt. Sie können Kokotten oder Damen sein. Privat wird ihnen das weder helfen noch schaden. Sie sind öfters sogar aus guten bürgerlichen Familien und werden . mit einem Ballast von fugend eskortiert, über den Casanova schon lachte. Der Spanier, der nicht leben könnte, wenn nicht um ihn herum getanzt würde, sieht in den Frauen sein völkisches Signal. Es ist ein wenig eingleisig zu sagen, daß die „Sevillanas“ oder der „Bolero“ Volks tänze seien, weil auch das Publikum sich damit belustigt. Sie sind vielmehr eine sehr ausdrucksvolle Art für den Spanier, seine Existenz zu begründen. Sie sind ein Teil von Spanien wie die Scharlach flüsse und die Orangenplantagen, in denen die Sträflinge, aber auch die Generale sitzen. Ohne Zweifel fängt sich in dem, was die Tänzerinnen zeigen, jeder Bestandteil, wel cher das spanische Blut ausmacht, in einer kühnen und einheitlichen Bewegung auf. Marokkaner, Goten, Kelten, Römer, Bas ken, Araber haben auf der iberischen Halb insel eine noble Rasse gezüchtet, die sich den Luxus leisten kann, durch einige Lei denschaften für den Kontinent unbegreif lich, durch andere Leidenschaften aber veryslylish zu erscheinen. Wenn die Engländer, welche die besl- klassiertesten Leute der Welt sind, zum Diner bei der Nationalhymne aufslehen, ist das vielleicht dasselbe, wie wenn die Spanier, welche die leidenschaftlichsten Eis- blöckc Europas sind, ihre Tänzerinnen an schauen. Sie ehren sich beide durch ihre Handlung. Da in Spanien Frauen, mit Ausnahme der paar großen offiziellen Theater, kaum in die Oeffentlichkeit kommen und der Spanier seltsame Vorstellungen von Kunst hat, gibt es kaum Räume und Veranstaltun gen von Rang für die Tänzerinnen. Sie sind auf die Musik-Cafes angewiesen und auf die Varietes. Auf Männerpublikum. Diese soziale Lage ist amüsant, weil Tänzerinnen, welche Damen sind, in Lo kalen auf treten, die unmöglich sind und in einer Lhngebung, die katastrophal sein kann. Diese Tatsache hat aber den Reiz, daß man in peinlichen Beisels wunderbare Sachen sehen kann. In dem Lande der un geheuren Etikette ist auf diese Weise alles möglich. Natürlich tanzt auch das Volk. Die Ge sellschaftstänze liegen ihm nicht. Die ame rikanischen Schritte machen diese Leute plump, ln den riesigen Höfen, welche die Vorstädte aber auch das Lund und Dorf besitzt, tanzen hauptsächlich die Frauen. Wenn sie sich einen Jüngling aus dem Zu schauerkreis holen, der, ihnen gegenüber- stehend, die Kastagnetten schwingt, so tun sie das lediglich, weil sie eine Folie wollen, wie der Boxer einen Sandsack braucht. 641