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von Roberto Bracco A g o s t i n o: Ein ernster junger Mann. Wenn er dir den Hof macht, muß er sich sehr in dich vergafft haben. C a r m e 1 i t a: Das will ich glauben, sehr, sehr! A g o s t i n o: Das ist sehr begreiflich. Er ist eine durch und durch rückständige Natur; nun ist es aber eine sozusagen ge schichtliche Ueberlieferung, eine im Raume und in der Zeit seit langem beobachtete Er scheinung, daß solche Naturen sich in die Frau jenes Mannes verlieben, an den sie die Bande intimer Freundschaft knüpfen. Ge radeso traditionell ist es aber, daß der Gatte, der davon Wind bekommt, aufbraust und sich entrüstet. Ich aber verliere nicht meinen nüchternen Sinn, ich habe jede Ueberlieferung über Bord geworfen. Und wenn du es schon für angezeigt gehalten hast, mich in eine so abscheuliche Ange legenheit zu verwickeln, so will ich deinen Rat befolgen und mit ihm taktvoll, höf lich, ja sogar herzlich, wie mit einem Bru der, sprechen. Carmelita: Gewiß, gewiß, du hast recht. Agostino: Ich beglückwünsche dich zu deiner prächtigen Idee, meine treffliche Carmelita! Ich sehe schon, wie dein Talent sich zu entfalten beginnt. II. Oderisio (von außen): Darf man ein- treten? Agostino (leise zu seiner Frau): Der Don Juan ist da. (Laut.) Gewiß darf unser guter Freund eintreten. Oderisio (tritt ein). Agostino (umarmt ihn fest): Lieber, lieber, teurer Oderisio! Oderisio: Was bedeutet diese unge wohnte Umarmung? Agostino: Die Kundgebung jener überfließenden Zärtlichkeit, die mich bei deinem Anblick übermannt. Oderisio: Das ist sehr nett von dir. (An Carmelita gewendet.) Meine Huldigung, gnädige Frau. Carmelita: Guten Tag, Panocchi! (Zu Agostino gewendet.) Ich komme gleich zurück, die Schneiderin erwartet mich, in einer Viertelstunde bin ich wieder da. Oderisio: Ihr Gälte empfängt mich mit einer Umarmung und Sie lassen mich da? Agostino (sie entschuldigend): Meine Frau war soeben im Begriffe auszugehen. (An Carmelita gewendet.) Ich bitte dich, liebes Kind . . . Carmelita: Du wünschst? A g o s t i n o (zerstreut an den Kopf grei fend) : Was wollt ich nur? Diese un glückselige Vergeßlichkeit! (Sich die Stirne reibend.) Es ist aber auch kein Wunder, gibt es doch gar so vieles hier drinnen auf gespeichert . . . Oderisio: Du treibst Raubwirtschaft mit den Schätzen deines Gehirns! Du miß brauchst dein Genie! Agostino: Richtig! (An Carmelita ge wendet.) Mach doch einen Sprung zu mei nem Bücherlieferanten und sag ihm, daß ich unter den mir eingesandten Büchern gerade das notwendigste vermisse: es ist eine Studie über die Schimpansen, betitelt: Schimpansen. (An Oderisio gewendet.) Ich will Voronoff in die Fußtapfen treten. Oderisio: Eine prächtige Idee. Agostino (an Carmelita): Er möge mir das Buch sofort senden, ich vergehe vor Ungeduld. Carmelita: Verlaß dich auf mich. Agostino: Ich danke dit, Schatz. Carmelita (tritt ab). III. Agostino (an Oderisio): Die geistige Entwicklung meiner Frau erfüllt mich mit Stolz und Freude. Oderisio: Natürlich. Agostino: Mein lieber, lieber, lieber Oderisio! (Er umarmt ihn.) Oderisio: Schon wiederum? Agostino: Die überfließende Zärt lichkeit . . . Oderisio: Lieber Agostino, die Aeuße- rungen deiner Freundschaft tun mir unend lich wohl; glaube mir, daß auch meine An hänglichkeit an dich stetig zunimmt. Agostino: Obwohl wir in bezug auf Charakter, Sinnesart und Neigungen zwei entgegengesetzte Pole verkörpern, weil du mit der Zähigkeit eines konservativen Men schen an der Vergangenheit haftest, während ich ein Fanatiker des Fortschrittes bin, du ein Sklave der Formen bist, ich aber nur das Wesen der Dinge erforsche — üben wir dennoch gegenseitig eine große Anziehungs kraft aufeinander aus. Im Grunde genom men ist dies nichts anderes, als einer jener 699