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Der Neuerer als Weltbeglücker deckung des Neuesten! Es ist die triumphie rende Abschaffung des Alters vermöge der zentralen psychoorganischen und verjüngen den Atmosphäre unserer modernen Zeit! Und erst Einstein! Welch ein Riese! Carmelita: Wie viele Meter zählt er? Agostino: Ein Riese als Neuerer, als Bahnbrecher! Carmelita: Vergnügt auch er sich da mit, den Alten in ihrer Not beizuspringen? Agostino: Keine Spur! Er ackert in einem ganz anderen Felde. Er bearbeitet den großartigen Boden des Raumes und der Zeit. Carmelita: Nun und... Du wärest somit auch so beschaffen, wie Voronoff und Einstein? Agostino: Nun, genau so noch nicht. Wir wollen nicht übertreiben, aber ich wie derhole dir: einstweilen verlege ich mich aufs Denken und Forschen. Meine Mission ist erst jüngsten Datums, aber sobald ich mich ihrer bewußt wurde, begann ich den Einkauf der Bücher, die mir die nötige Er weiterung meiner Kenntnisse bringen sol len. Ich kaufe unaufhörlich Bücher, von welchen ich mich nicht mehr trennen kann, denn der Wissensdurst läßt mich nicht ruhen, das Lernen ist mir zu einem Lebens bedürfnis geworden. Wenn wir Neuerer nicht all das erlernen würden, was andere Geistesriesen vor uns niedergeschrieben ha ben, wie könnten wir dann in die Gesamt heit menschlicher Erkenntnis eindringen? Carmelita: Das ist klar. Agostino: Hab’ Dank dafür, daß du mir die Gelegenheit botest, mein Inneres dir zu enthüllen. Du, meine Lebensgefähr tin, mußtest doch erfahren — und nun weißt du es — daß ich die mein physisches Dasein umgebende Atmosphäre meinem vom Drange nach Neuerungen erfaßten Geiste gleichstelle, wobei ich die lästige Bürde der Zeit und des Raumes, dieser veralteten, in haltslosen Begriffe, entschlossen von mir ab schüttle. Carmelita: Du magst sie nach Her zenslust abschütteln, ich will dich daran nicht hindern. Agostino: Recht so. Nun wollen wir zur Arbeit zurückkehren. (Er setzt sich zum Schreibtisch, nimmt ein Buch zur Hand und liest den Fitei: „Die Katharsis der Philo sophie in der chinesischen Psyche.“) Carmelita: Warte doch ein wenig, bevor du an die Arbeit gehst, will ich dir die paar Worte mitteilen . . . Agostino: Ein paar Worte? Richtig, ich vergaß schon . . . Nun, laß hören, aber rasch .. . Gewiß handelt es sich um Nichtig keiten. (Er nimmt ein anderes Buch zur Hand und liest den Titel: „Die Auto-Ideo logie des auf den Kopf gestellten Mannes.“) Carmelita: Nichtigkeiten? Wohlan, urteile selbst darüber. Agostino: Nun, so laß hören. Carmelita: Es handelt sich um meine eheliche Treue. Agostino: Aber komm mir doch nicht mit Ammenmärchen. Carmelita: Ich schwöre dir, daß einer da ist, der sie zu Falle bringen will und ich kann mich seiner kaum mehr er wehren. Ich habe mit ihm nicht geflirtet, ihn nicht ermutigt, war vielmehr bestrebt, ihn zu überzeugen, daß ich als anständige Frau Prinzipien huldige, die mit der Un treue unvereinbar sind. Agostino (ruhig): Und er ließ sich nicht überzeugen? Carmelita: Durchaus nicht. Erläßt nicht locker, er sucht mich zu erobern, er heftet sich an meine Fersen, er kompromit tiert mich, er stört und beunruhigt mich. Agostino (betroffen, jedoch mit er zwungener Ruhe, sich an den Kopf grei fend) : Herrgott, welch schweren Ziegelstein haust du mir an den Kopf! Ich verabscheue die Banalitäten des Alltags und werde da unerwarteterweise vom schmutzigsten Ab schaum des Lebens besudelt. (An Carmelita gewendet.) Nun, was sollte ich da deiner Ansicht nach tun? Den Don Juan erschla gen? Carmelita: Erschlagen? Das gerade nicht! Agostino: Oder ihn insultieren, züch tigen? Auf die Gefahr hin, von ihm erschla gen zu werden? Carmelita: Auch dies nicht. Agostino: Was denn sonst ist da zu machen? Carmelita: Du kannst ja taktvoll, höflich, im Tone moralischer Ueberlegen- heit mit ihm sprechen, was dir nicht schwer fallen dürfte, handelt es sich doch um dei nen intimsten Freund. Agostino: Oderisio Panocchi? Carmelita: Jawohl. 698