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geben Sie sich einen kräftigen Abstoß und siehe da: Sie fahren! Die kritische Strecke von zwei, drei Radlängen ist bald überwunden. Sie treten tüchtig in die Pedale, um ja nicht wieder stecken zu bleiben. — Oho, das geht ja immer sdineller! Sie denken noch: Treten, feste treten! — da taucht unversehens ein Hindernis auf, ein richtiger klobiger Stein, den Sie unmöglich anfahren dür fen. Sie fixieren ihn ganz scharf, Sie passen auf wie ein Schießhund. Nanu? Hat dies erbärmliche Ding da vor Ihnen etwa magnetische Kräfte? Was ist denn bloß los? Obgleich Sie ihn nicht den Bruchteil einer Sekunde aus den Augen lassen, tanzt er nun ohne Erbarmen in Ihr Rad und bringt Sie zu Fall. Und dabei war rund herum so viel Platz, daß Sie mit Leichtigkeit an ihm hätten vorbeiradeln können. Das wollten Sie ja auch, nicht wahr? Ihre ganze Energie haben Sie daraufgewandt und brachten es trotzdem nicht fertig. Warum nicht? — Weil Sie es falsch gemacht haben, ge nau so falsch wie im ersten Beispiel mit dem Briefe, der Ihnen trotz größter Willensbemühungen nicht gelingen wollte. Worauf richtete sich denn eigentlich der Wille, dem man im allgemeinen gern Zauberkräfte zuschreibt, mit dessen Hilfe man erst „allen Anforderungen des Lebens gewachsen“ zu sein glaubt? Im ersten Falle: da war nodi diese alte Briefschuld an Alex zu erledigen. Sie dachten, wenn der Bogen erst da liegt und der Federhalter eingetaucht ist, wäre der Brief schon so gut wie fertig. Ja, Kuchen! Papier und Tinte machen noch keinen Brief, ebensowenig wie Hornbrille und Flatterschlips einen Dichter! Wenn Sie es sich genau über legen, so hatten Sie, als Sie sich zum Schreiben niedersetzten, nicht die leise ste Ahnung davon, was Sie eigentlich schreiben wollten. Sie hätten sich ge mütlich eine Zigarette anstecken und sich ein wenig besinnen sollen, dann wäre Ihnen nämlich eingefallen, daß Alexens alte Liebe sich verheiratet und Paul Ku- senbahn den zweiten Preis im Einer ohne Steuermann gewonnen hat. Sehen Sie! Da haben Sies! In fünf Minuten wäre der Brief fertig gewesen, wenn Sie vor her daran gedacht hätten. — Wille war gar nicht nötig. Warum haben Sie es im zweiten Falle nicht richtig gemacht? — Da lag dieser dumme Stein auf Ihrer Bahn. Sie mein ten: Wenn ich ihn recht scharf im Auge behalte, wenn ich meine Aufmerksam keit energisch auf ihn konzentriere, werde ich nicht mit ihm Zusammen stößen. Anstatt soviel Freiheit zu be wahren, um das Hindernis tatsächlich zu umfahren, wurden Sie von ihm geradezu hypnotisiert und kamen nicht mehr los. — Ganz anders ist das rich tige Verhalten! Wenn man da einen ^ekn Regeln gegen 1. Ueberdenke dir, was dir soviel Kopf zerbrechen macht, aber nicht so, als ob du selber in die Geschichte ver wickelt wärst, sondern so, als ob du das Ganze in der Zeitung läsest. 2. Ueberlege dir ganz erbarmungslos, ob du das, was von dir gefordert wird, leisten kannst. 3. Ist es so gut wie sicher, daß du es nicht leisten kannst, so riskiere gar nicht erst, dich zu blamieren. 4. Bist du aber zweifelhaft, fange be stimmt an. 5. Wenn du ganz fest von dem Ge lingen überzeugt bist, sei vorsichtig! Gerade dann pflegt es gewöhnlich schief zu gehen. 6. Kümmere dich nicht darum, was die Leute sagen. Andere würden es viel leicht anders richtig machen, du kannst es nur so richtig machen. Frage nicht — höre nicht herum. Wenn du Lob brauchst, um weiter zu können, so besorge das selbst ganz allein. 7. Glaube nicht, du müßtest allen Be kannten erzählen, was du vorhast. Gackere nicht über ungelegte Eier. 88 Stein anfährt, so hat man ihn wirklich nicht gesehen. Denn man achtet gar nicht so auf Einzelheiten, man stiert nicht vor sich auf die Lenkstange, man wittert nicht allerhand Ueberraschungen, denen man energisch zu Leibe gehen muß. Sondern man hat beim Radfahren plötzlich Flügel bekommen. Die Augen immer ins Weite gerichtet und nur ober flächlich und leichthin auf den gleiten den Weg, dessen Kurven und Windun gen sich der lenkenden Hand mitteilen, schwebt man gelassen um Feldsteine und Erdhaufen herum. — Natürlich kann man das auch mit der Zeit lernen. Oft aber ist das Lernen nur ein Verlernen des falschen Verhaltens- Uncl wozu soll man es immer erst falsch machen, wenn man sich das Richtige erst einmal klar gemacht hat uncl über ein bißchen Mut verfügt, sich nach seiner besseren Ein sicht zu richten? Sind das zu alltägliche Beispiele, um aus ihnen allgemeine Folgerungen ziehen zu können? Unser Lehen besteht aus lauter solchen „Alltäglichkeiten“. Ein Anliegen Vorbringen, eine Aufgabe lösen, ein Geschäft abschließen, eine Entschei dung fällen, ein Kind erziehen, ein Haus bauen, eine Stellung suchen, an einem Vergnügen teilnehmen, das sind Forde rungen, die das Leben täglich an uns stellt, und die wir erfüllen müssen. Wie machen wir es aber richtig? Die meisten glauben, es ginge einfach nicht ohne Aufwand von Willen. Dieser Aber glaube verläßt sie nicht, selbst wenn sie es hundertmal erlebt haben, wie sie bei irgendeiner Arbeit „in Schwung kamen, mit fortgerissen wurden und dabei das Gefühl hatten, ganz in der Sache drinzu- stecken. Tausendmal einfacher uncl ohne großen Verbrauch von Nervenkraft voll zieht sich alles Handeln, das sich ledig lich davon bestimmen läßt, was man ein fach uncl unmittelbar als das Notwendige erkannt hat. Uns fehlt Gelassenheit uncl Geduld. Unser Mangel an schlichtem Verständnis verführte uns zu der Mei nung, wir hätten für die Aufgaben des Lebens in erster Linie einen „starken Willen“ nötig. Nein, ganz im Gegenteil: nur mit dem „guten Willen“ kommen wir weiter. So einfach uncl einleuchtend diese Feststellung auch ist — warum macht man es doch nicht richtig? Prüfen Sie sich selber einmal, wie sehr Sie sich von „unsachlichen“, nicht zum Wesen der Dinge gehörigen Motiven in Ihrem Han deln und Tun bestimmen lassen. Stim mungen, Launen, Gefühle, Träume usw. hindern Sie schon daran, das Erforder liche auch nur zu erkennen. Sie kom men von Ihrer Subjektivität, von Ihrem „Ich“ nicht los. Uncl dieses Ich ist für das richtige Tun genau so unwesentlich, wie Feder uncl Papier für den Inhalt des Briefes, ja, es kann geradezu ver- cl e n Will enskrampf 8. Laß dich nicht so von der Sache fressen, daß sie dich ganz beherrscht. So wichtig ist nichts. — Du hältst dich auch für viel zu wichtig, wenn du glaubst, daß nur du sie machen könntest. Nur Hasardeure setzen alles auf eine Karte. Wenn du nicht mehr imstande bist, auch an etwas anderes zu denken, ist das das beste Zeichen dafür, daß du zu tief in einer Sache drinsteckst und nötig hast, zu verschnaufen. 9. Versuche nicht, dich um die Arbeit zu drücken, indem du’s machst wie in der Schule, zum Nachbar schielst, im Buch nachliest, den Lehrer fragst — sondern los, ’ran an die Arbeit! Deine eigene Arbeit kannst du allein am besten machen. Wenn du dir immer helfen läßt, dann lernst du s nie. 10. Wenn es aber schief geht, laß deine Leiche ruhig liegen. Beweine sie nicht, beerdige sie nicht, untersuche nicht, wer dich zu Fall brachte, halte kein Trauerjahr ein. sondern mache es wie Napoleon, der nach dem Brand von Moskau der erstaun ten Welt mitteilte: dem Imperator geht es ausgezeichnet.