Volltext Seite (XML)
jetzt mit dem Gesicht gegen die Wand. \V ir wissen nicht, was los ist. Kursus für Kriegsteilnehmer Dezember 1918. Ich soll das Abitur nachmachen. Es gibt einen besonderen Kursus für Sol daten außerhalb des Gymnasiums. Ein Aufsatzthema wird gegeben: „Meine Kriegserlebnisse.“ Wie die Arbeit zu rückgegeben wird, steht unter meinem Aufsatz keine Zensur, sondern mit roter Tinte geschrieben: „Das ist kein Auf satz, sondern ein Ullsteinbuch.“ Nal ionalversammlung Januar 1919. Keine Lust, die Schulbank zu drücken. Die Regierung bringt eine Bestimmung heraus: Wer drei Monate in einem Frei korps Dienst tut, bekommt das Abitur geschenkt. Ich trete sofort ein in das Landes jägerkorps, General Maerker, Maschi nengewehr - Scharfschützenkompanie. Die Kompanie wird Ehrenkompanie bei der Eröffnung der Nationalversamm lung. Ich bin zweiter Flügelmann. Merkwürdiges Gefühl, wie sie alle dicht vorbeigegangen sind: Ebert, Flaase, Scheidemann, die Generäle. Doch irgend eine Ahnung von „historischem Augen blick“. Sehr merkwürdiges Leben damals in Weimar. Bürgerkrieg Januar—Mai 1919. Kämpfe in Halle, Magdeburg und ßraunschweig. Sehr betroffen über den Zerstörungstrieb der alten Feldsoldaten. Einschlagen von Türen, Aufbrechen von Schlössern, überflüssige Brutalität. Noch kein Nachdenken über Bürger krieg an sich. Spartakisten betrachtet als eine Art Fabelwesen, nicht als Menschen. Große Angst beim ersten Straßen kampf. Lust verloren am Soldaten spielen. Es war nicht alles so „frisch frei-fröhlich“, wie ich es mir gedacht hatte. Arbeiter im Hüttenwerk Sommer 1919. Ich werde Volontär in einem Hütten werk im Ruhrgebiet. Zum erstenmal Leben im Proletariat. Arbeite genau wie jeder andere; Hochofen, Gießerei, Modelltischlerei. Ueberwältigt von der schweren Arbeit, sehr müde, sehr kaputt. Ueberwältigt von den großen Werken. Maschinen, Menschenmassen und den großen, schmutzigen Städten. Ganz allein, keine Freundschaft. Scheu vor den Arbeitern. Unfall durch Sturz von einer Brücke. Schwere Gehirnerschütterung und Rück gratverstauchung. Erwachen aus Ohn macht, in Tücher eingewickelt, in einer Badewanne. Danach wenig Lust mehr zur Arbeit. Einmarsch der Belgier in die Stadt. Rasende Haßempfindung. Verabredung mit einem Freund: wir schmieden lange Haken. Wir fahren abends mit Rädern über die Rheinbrücke, greifen mit den Haken ein leichtes Maschinengewehr des belgischen Brückenpostens, werfen es über die Brüstung in den Rhein. Die Posten schießen hinter uns her. Ganz dumme Tat, sie haben es sicher wieder au f gefischt. Danach eilige Findet aus dem Revier. Minensucher Januar—März 1920. Zurück zur Marine. Ich trete ein in die „eiserne Torpedoboots-Flottille“ \\ il- helmshaven. Torpedoboot S 63. Mein erstes, wirkliches Schiff. Zwiespältige Stellung als Unteroffizier ohne prak tische und seemännische Erfahrung. Sehr schwierige Mannschaft, aber wun derbarer Kommandant. Mich quält immer fort das Gefühl, sehr dumm zu sein, dümmer als alle ändern. Wunderbare Reise durch die Ostsee: wir besuchen alle Küstenstädte: Kiel, Stralsund, Lübeck, Rostock. Pillau, Kö nigsberg und geben die Flaggen der Kreuzer ab, die die Namen jener Städte trugen. Erste Liebe zur Ostsee, die bis heute geblieben ist. 26