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Größe, das Gedränge der rings grup pierten Menschenfiguren überragend, die stilisierende Einfachheit des von langem Gewände eingehüllten Körpers, des vom Heiligenschein umstrahlten Hauptes verbinden wundervoll Gegen wärtiges und Ueberirdisches der Erschei nung. Eichend zieht er den Lahmen an sich, der zu ihm herangehinkt kommt und sein Haupt im Gewand des Heilands verbirgt. Den Blinden, der zur Linken sichtbar wird, leitet ein junges Weib. Arbeiter kommen heran. Der Leier kastenmann. der sein Aeffchen mit sich führt, will dabei sein. Eine Mutter führt ihre Kinder, ein Vater seinen kleinen Sohn zum Prediger der Liebe, ln mannigfachen Varianten wird ge zeigt. wie andere allmählich erst den Geist der allumfassenden Güte ver stellen. der ihnen genaht ist. Der Mu siker (ein wenig rechts oben vom Kopf Jesu) hat sein Spiel unterbrochen und die Geige sinken lassen, seine erhobene rechte Hand erzählt mit prachtvoll er fundener Gebärde, wie eine* andere Me lodie ihn gefangen nimmt. Der sitzende Bürger, unten im Vordergründe—offen sichtlich ein Porträt, gleich den beiden am Rande links — wird von seinem Nach barn aufgerufen, zu hören, was Christus spricht, sinnend blickt er vor sich hin und beginnt zu verstehen. Ergriffen be deckt die Arbeiterfrau (links von Christus) ihr Antlitz mit der Hand. Ihr kleines Kind weiß noch nicht, warum die Mutter weint, so wenig wie die Kin der. die ganz im Vordergründe unten mit ihrem Spiel und ihrem Bilderbuch beschäftigt sind, daß des Heilands W orte über sie hinwegschallen. Merkwürdig, von starker V irkung, links unten die Gestalt des Buckligen, dem der Sinn der Heils Wahrheit aufgeht: mit dem Aeffchen des Orgelmanns bildet er eine eigentümliche 1 Arabeske dort in der Ecke, die an ähnlich seltsames und schnurriges Nebeuwerk auf Andachtsbildern alter Meister denken läßt. Das alles strömt und flutet in auf- und absteigenden Linien dem großen, hellen Zentrum der Heilanclsgestalt zu. Am originellsten scheint die obere Bilclpartie, das Kühnste sicherlich, was ein moderner Kirchenmaler gewagt hat. In gleißendem Geflimmer ballt sich hier die Gruppe der Indifferenten, der Sün der. der unbedenklich Lasterhafte']] zu sammen. ..Sie sehen ihn und gehen Mirüber . erklärt die Schrift links oben. Das quirlt zusammen, das Mädel von der Straße, der Monokel geilt, der ihr nachblickt, die üppig gekleideten Dirnen im Auto, der bebrillte Intellektuelle links, das alles von Teufeln umstrickt, umhiipft. die ihre I’ratzen zw ischen die geschminkten Gesichter schieben, ihre I ierarme greifend nach den Verlorenen ausstrecken. Das Auto hält vor einer Tür mit der Beschriftung ..Austern- stube und ..Grill Room". In den leichten Kalkfarben Heckers werden die' ver schiedenartigsten Register moderner Ma lerei gezogen. Herrschen in der unteren Partie die an- und abschwellenden Farb- ströine des Cezanne. so ist hier oben spritzige, tupfige Buntheit, und der ele gante Monokelheld sieht fast aus. als sei er einem Bilde von George Grosz ent sprungen. Etwas von der Höllenphan tasie alter Meister tritt hier in gänz lich moderner Uebertragung auf. Wenn Hecker zu diesem Höllengebrodel der Austernstube rechts oben noch ein paar abseitige Gestalten fügt, die gleichfalls unter die LTigläubigen eingereiht und des Heils nicht teilhaftig sind — wenn er dabei zwei Männer hinsetzt, die in einer Zeitung mit der Ueberschrift ..Die Lüge" lesen, und. um sich noch deut licher auszudriieken. daneben eine Ge stalt auftreten läßt, deren Ruf wir aus dem Schriftband ..Freiheit. Gleichheit, Brüderlichkeit'' kennenlernen, wozu sie ■von einem besonders tückischen Teufels braten angestiftet wird — so w ird man diese heftige und unverblümte politische Parteinahme seiner streng kirchlichen Gesinnung zugute halten. Die Sehn sucht nach Freiheit. Gleichheit und Brüderlichkeit stammt denn doch wohl eher aus dem Himmel als aus höllischer Lhiterwclt. (Sdilufj des Textes auf Seite 102) 14