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anzusehen. Und das Haar hat sie sich abgesdmitten. Wo sind deine Zöpfe, Katjka, sage ich, um Gottes willen, sie aber lacht nur.“ „Ach, was sich jetzt alles auf der Welt tut. Gar keine Ehrfurcht haben heutzu tage die Kinder. Kommt zu mir mein Enkel aus der Schule. Bringt so ein Buch mit. Lerne, sagt er, Großmutter. Wer weiß, sagt er, vielleicht macht man dich noch zum Dorfpräsidenten. Wirst noch in einer Brille im Mobil spazieren fahren, zu hohen Ehren kommen.“ „Eine Knute brauchen sie und keine Sdude!“ „Zu uns hat man einen Arzt ins Dorf gesdiickt. Ein Teufel ist das, meine Lieben, gar kein Mensch. In Halb- sdnihen schleicht er um die Pfützen mit einem Röhrchen in der weißen Hand. Klopft mit den Fingern auf dem Kran ken herum und hordit mit dem Röhr chen.“ — „Wozu,“ sagt eine helläugige Frau in einem so grünen Rock, wie eine saftige Wiese, „wozu brauchen wir diese Aerzte! Neulich ist meine Fiokla krank gewor den. Liegt wie eine Kuh da, atmet schwer, verdreht die Augen. Der Arzt kommt, gibt ihr Pillen und so einFläscli- dicn. Auf den Müllhaufen warf ich den Dreck. Ein bißdien Weihwasser auf die Sohlen und auf die Stirn, gleich half das.“ — „Ja,“ sagt die Alte mit dem Knochen, „Weihwasser hilft gegen alles. Immer habe idi eine Flasche bei mir. Wer aber schon sterben muß, eine Sünde ist es, etwas dagegen zu tun.“ „Ja, wenn alle zur rechten Zeit ster ben wollten. Mein Mamachen aber ist ganz eigensinnig geworden. Zu sterben wünscht nicht das Gottesblümchen. W älzt sich auf dem Ofen herum, kann nicht mehr arbeiten und allen ist sie zur Last. 92 Jahre, sage ich ihr, bist du auf dieser Erde gewandelt, jedermann muß sein Maß wissen. Als Engeldieu, sage idi, wirst du im Himmel in einem rosa Kamisöldien sdiweben und Harfe spielen, wir aber hätten Ruhe und mehr Platz in der Hütte. Sie aber will nidit. Ist voller Eigensinn. Und frißt dazu noch, die Alte, wie ein Zwanzigjähriger.“ „Die Alten wollen nicht sterben, die Kühe aber gehen bei uns dies Jahr ein, an der Seuche. Wie die Fliegen.“ „Ja, ja, die Gesundheit einer Kuh ist ein kostbares Ding! Was es heutzutage aber für neue Gesetze gibt — der Mann darf sein Weib nicht verprügeln! Sofort kommt die Miliz-Polizei.“ „Was ist das für eine neue Mode. Der eigene Mann darf nicht mal seine Frau verdreschen! Ja, sind denn jetzt die Weiber aus Porzellan!“ „Alles werden wir ihnen sagen. Und daß die Männer sich nicht scheiden lassen dürfen.“ „Heutzutage kann der Mann jeden Tag ein neues Weib nehmen — was soll aber aus uns werden?“ „Ja, die Männer sind heutzutage selten geworden!“ Endlos geht das Geschwätz der sibi rischen Frauen, bald schneller, bald lang samer. Nach drei Tagen kommen die „Delet- kas“ in Moskau an. Ein Kommissar er wartet sie: „Nun,“ ruft er, „steigt aus, steigt aus, w’as sitzt ihr da wie die Hüliner!“ Eine nach der anderen klettern die „Deletkas“ aus dem Zug. Breit beinig stehen sie da in ihren bunten Rücken und kein Wort können sie sagen. Nur mit den Augen blicken sie ängstlich um sich: das ist also Moskau, diese hohen Häuser, dieser Lärm, die Straßenbahn, die Menschen, und über allem die golde nen Kuppeln der Kirchen.