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Süden: aus allen Teilen Sibiriens — Russinnen, Tatarinnen, kirgisische, turk menische Frauen. Eintönig geht ihr Geschwätz: bald schneller, bald langsamer. Bunt ihre Kopftücher, wie Turbane. Unter den Röcken hohe Wasserstiefel. Mit halbem Ohr höre idi zu: „Nun, nach Moskau bringt man uns“, sagt eine alte Bäuerin, „nach Moskau. Reden sollen wir dort halten. Und worüber sollen wir denn reden?“ „Zum Kongreß, Tantchen, fahren wir", lacht eine Junge, „ohne uns können die Männer, scheint es, nicht fertig werden.“ „f 1 rüher, Täubchen, war es anders“, sagt die Alte, „wagt die Frau, nur ein Wort auszusprechen, gleidi kriegt sie von ihrem Mann eins aufs Maul. Eine Sdiande ist es, sagte mein seliger Mak- sim Jegorytsch, wenn der Mann es seinem Eheweib gestattet, mitzu- spredien.“ „Jetzt aber bitten sic: Ihr Weiber sollt auch mal mitreden. Eine Schande ist es!“ „Wie die Kühe, Anfissa Petrowna, hat man uns in den Zug gesetzt. Wie die Kühe. Wovon sollen wir denn reden?“ „Im Kreml,“ ruft aus der Edce die Junge, „sollen wir sitzen, Tantchen, wie einst die Zaren. In einem Saal aus rotem Gold. Was sdiimpfst du, Alte? Magst nicht auf goldenen Stühlen sitzen, was?“ „Ach, du mein lieber Gott, du mein lieber Gott! Was man nodi auf seine alten läge alles erleben muß!“ „Nie , sagt eine alte Tatarin, „haben sie früher die Weiber um Rat gefragt. Jetzt werden wir ihnen aber zeigen, wie Weiber reden können!“ „Wer hätte das geahnt! Sitzt du plötzlich auf weichen Bänken und rollst im Zug nach Moskau. Und dazu nodi umsonst.“ „Nur ob man jemals zurückkommt? Einen ganzen Tag fahren wir schon.“ „Bist du noch nie mit der Eisenbahn gefahren?“ frage ich die Alte neben mir. „Nodi nie, Täubdien, nodi nie. 200 Werst ist unser Dorf von der Eisenbahn. Fast alle sind wir damit nicht gefahren. Zuerst, wie es so zu zischen und zu klap pern beginnt und die Bäume nadi hinten fliegen, da dachte ich, meine Augen sind mir auf den Rücken gerutsdit.“ „Ich war schon in Novo-Sibirsk,“ sagt die Junge. „Sie wollen, daß man alles sagen soll, was einem auf der Seele liegt,“ spridit eine alte Frau und nagt dabei an einem Knochen. „Ich weiß sdion, was idi ihnen sagen werde. ,Meine Lieben,“ werde idi sagen, ,meine Süßen, weshalb verleumdet midi Pelageja Maksimowna vor den Nachbarn?“ — ,Deine Hühner,“ sagt sie, ,gehen auf meine Beete.“ — — ,Was,“ sage idi, ,du Luder, lialt’s Maul, Ungeziefer!“ Sie aber ist sofort bereit, midi zu prügeln. Zu Tode wird sie midi nodi ärgern.“ „Schulen, sagen sie, sollt ihr kriegen. Mit 8 Jahren sollen die Kinder neuer dings in die Sdiule.“ „Ach, was kommt von den Sduilen? Nidits Gutes kommt von diesen Schulen. Ein Dreck!“ „Das stimmt, Mütterchen, das stimmt. Das sollte man ihnen audi sagen. „Bei uns,“ ruft eine spitznäsige kleine Bäuerin, „kommt so eine Lehrerin an. So eine sdiwarze kleine, wie ein Teufel. Einen Gott gibt es nicht, sagt sie. Was, sage ich, soll ich dir beibringen, daß es einen gibt, du Parasit, und den du dein Leben lang nicht vergißt.“ „Ja,“ seufzt eine riesige blonde Bäuerin mit einer flachen Nase wie ein Knopf, „seit meine Kat jka in die Sdiule geht, einfadi nidit zu erkennen ist sie. Alles weiß sie — eine Schande ist es, sie 86