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mochte sie wohl das Gesagte bedauern, denn sie warf uns ohne weiteres hinaus. „Wozu hab’ ich euch das alles erzählt? Ihr seid doch viel zu dumme Gänse, um es zu verstehen. Schaut, daß ihr weiter kommt, und sagt eurem Klassenvor stand, er soll die Luise in Ruhe lassen. Und wenn ihr ein Wort mit der Luise redet von dem, was ihr hier gehört habt, hau’ ich euch den Hintern voll. Ich komm“ eigens dazu in die Schule!“ Eine Stunde später saßen wir in mei nem kleinen Zimmer und hatten uns noch immer nicht gefaßt. So also sah es bei Luise aus, deshalb hatte sie uns niemals zu sich geladen! Ganz allein war sie immer gewesen, ohne Mutter und mit einem solchen Vater. „Da kann man ihr doch auch keinen Vorwurf machen, wenn sie ein Verhält nis hat“, sagte Lutz, „sie muß doch so furchtbar einsam gewesen sein. Und denk doch mal, was sie vor sidi gesehen hat: alle diese Weiber . . .“ „Und doch wollte sie studieren und ein anständiger Mensch werden“, er gänzte ich. „Denk doch mal: wir werden immer zum Arbeiten angehalten, und ihr hat man bloß vorgesagt, daß es keinen Sinn hat!““ Und nun brannte es uns in der Seele, daß wir Luise so unbarmherzig aus unserer Gemeinschaft ausgestoßen hatten. Von diesem Tag an war es mit ihr in der Schule zurückgegangen. Alles andere hatte sie ertragen und über wunden: nur unsere Verachtung nicht. Etwas ungeheuer Wichtiges, Fundamen tales dämmerte uns: daß ein Mensch e rst dann verloren ist, wenn man ihm das Selbstbewußtsein entzieht. Und das hatten wir getan. Wir hatten diesem unglücklichen Geschöpf den Weg aus dem Morast ihres Elternhauses in eine bessere, ordentliche Zukunft, den sie so tapfer gesucht hatte, durch unser dummes, herzloses Betragen verram melt. Da erst hatte sie den Kampf auf gegeben. Wenn es eine erfundene Geschichte wäre, die ich euch hier erzähle, würde ich ihr einen schönen Schluß geben: ich würde von einer großen Reue-Aktion der ganzen Klasse erzählen, daß Luise von allen um Verzeihung gebeten, bei den Lehrern befürwortet und schließ lich wieder ein tüchtiges, fleißiges Mäd chen wurde. Da es aber eine wahre Geschichte ist, muß ich euch gestehen, daß nichts dergleichen geschah. Wohl erzählten wir am nächsten Tag dem alten Steffen von unserem Ge spräch mit der Alten. Aber wir waren furchtbar geuiert bei dieser Erzählung, wir fanden nicht die treffenden Worte, es kam alles ganz anders heraus, als wir es gehört hatten. Und der alte Steffen war bloß darüber bestürzt, daß wir durch seine Schuld Einblick in ein so verderbtes Milieu getan hatten. Er bat uns, nichts darüber mit unseren Mitschülerinnen zu sprechen: „Ueber solche Dinge spricht man nicht, es ist traurig genug, wenn man davon hören muß!“ Wir sprachen natürlich' trotzdem darüber, aber die meisten Mädchen fanden clas alles bloß „wider wärtig“'. Ein paar allerdings taten sich zusammen, die wollten mit mir und Lutz zu der Wolkan gehen und ihr sagen, daß wir sie lieb hätten und ihr helfen wollten. Aber, wie das so kommt, es wurde von einem lag auf den ändern verschoben und schließlich vergessen. Luise kam nicht mehr zur Schule. Idi habe auch nie wieder von ihr gehört. Vor zwei Jahren stand in den Zei tungen, daß eine berüchtigte Lebedame, die man schon mit fünfzehn Jahren in Bars und Nachtlokalen gesehen hatte, eine gewisse Luise W., in einem Anfall von Schwermut Veronal genommen habe. Ich weiß nicht recht warum, aber ich glaube, das war die Wolkan.