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voll machte sie das, wie eine Schau spielerin; und dann begann sie mit Emmy Löb über die französische Schul arbeit zu sprechen. „Was hat sie denn gebissen?“ fragte die Wolkan. Aber niemand antwortete ihr, alle sprachen angelegentlich zu zwei und zwei. „Habt ihr etwas gegen mich?“ fragte die Wolkan. Sie war jetzt sehr blaß. Ich schielte sie von der Seite an und sah, daß ihre Lippen zitterten. Sie zupfte Lutz am Aermel: „Sag du, was habt ihr denn alle gegen mich?“ Aber Lutz schwieg. Nun wandte sich die Wolkan an mich: „Hab ich einer von euch was getan?“ Ich schwieg. Der Blick des aufgereg ten, tiefgekränkten Mädchens brannte auf meinem Gesidit, würgte mir in der Kehle; aber ich schwieg. Und zwar sdiwieg ich, weil die ändern geschwie gen hatten. Meine sittliche Entrüstung war gar nicht echt, aber ich fürchtete, wenn die ändern das merkten, könnten sie mich verachten, w T ie sie die Wolkan verachteten, und mich ausstoßen, wie sie diese ausgestoßen hatten. Warum hat sie auch so etwas Ent setzliches getan? — dachte ich. Wenn es noch bei Mondschein in einer Rosen laube gewiesen würe — aber in einem Stundenhotel, das kann doch nicht die wahre große Liebe sein, die alles ent- sdiuldigt. Von diesem Tag an ging es mit Luise Wolkan zurück. Sie kam zw r ar fürs erste noch pünktlich zur Schule, sie brachte ihre Aufgaben mit, sie war auch ganz gut vorbereitet. Aber sie ließ, das war sehr merkwürdig, gerade in jenen fächern nach, in denen sie vordem ge glänzt hatte. Ihre lateinischen Schul arbeiten erreichten knapp das Mittel maß, und es kam nie mehr vor, daß ihre deutschen Aufsätze vorgelesen wurden. „Sie hat eben anderes im Kopf“, sagte Helen Meier, die nichts anderes inj Kopf hatte als ihren Vetter Robert. „Sie hat ja geradezu Ringe um die Augen!“ Wir waren damals alle davon überzeugt, daß man vom Sündigen un weigerlich Ringe um die Augen be kommt. Aber auch heute noch, wenn ich mir das Gesicht der Wolkan ver gegenwärtige, wie es in jenen Wochen war, sehe ich die tiefen, schwarzen Schatten unter ihren Augen. Wir sprachen sehr viel über sie. Die eine hatte sie mit einem Mann Arm in Arm auf der Straße, die andere in einem Auto gesehen. Sie trug fast immer Seidenstrümpfe. Die bekam sie wohl von den Männern, vielleicht, daß sie sich deshalb verkaufte? Die schw T arze Dunnitzer behauptete, auch ihre Mutter sei eine solche: „Das liegt im Blut.“ Wir sprachen sehr viel über sie, mit ihr aber — kein Wort. Schließlich merkten alle Lehrer, daß sie nachließ. Sie wurde ermahnt, ge scholten. „Was ist denn plötzlich mit Ihnen?“ fragte ein jeder. „Warum sind Sie mit einem Male so faul?“ Aber sie verteidigte sich nicht, sie schwieg. „Es ist schade um Sie!“ Es wurde schlimmer und schlimmer. Sie w r ar oft so gedankenabwesend, daß sie gar nicht hörte, wenn sie aufgerufen wurde; ihre Antworten waren konfus, ihre Aufgaben schluderhaft und voll von Fehlern. Fast an jedem Morgen kam sie zu spät, manchmal um eine volle Viertelstunde. Eines Morgens sagte der alte Steffen, der Klassenvorstancl mit dem schönen wrnißen Bart: „Ich habe seit 25 Jahren, seit ich verheiratet bin, kein Nachtlokal besucht. Gestern aber feierten ich und meine Frau silberne Hochzeit“ — „Gra tuliere!“— rief vor mir die hemmungs lose Blanka und hielt sich dann, als es schon draußen war, erschrocken den Mund zu, — „und da w T urden wir von ,einigen Freunden in ein Kabarett ein geladen, um einige heitere Gesangs nummern anzuhören und eine Flasche Wein zu trinken. An einem so seltenen Festtag uncl für Menschen gesetzten Alters ist das wohl kein Unglück. Wohl aber ist es von jedem Standpunkt aus .47