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Nur ich weiß es nicht. Ich will die dicke Blanka zupfen, die sitzt vor mir. Blanka wird es mir sagen. Aber in diesem Augenblick wird Blankas Nach barin aufgerufen, und nun ist unser ganzer Winkel im Blickfeld des Pro fessors. Kein Privatgespräch möglich. Zum Platzen! üa begegne ich den Augen meiner freundin Lutz. Sie sitzt am ändern Ende des Klassenzimmers. Ich sehe ihr am Gesicht an, daß sie darauf brennt, mir das Geheimnis mitzuteilen. Schnell mache ich in die Luft die Geste des Schreibens. Lutz nickt, reißt einen Zettel aus dem Schmierheft, schreibt, faltet zusammen, verklebt mit Spucke und gibt den Zettel cveiter. Zehn Minuten ungeheurer Aufregung: wird der Brief unbemerkt bis zu mir kommen? Die große Gefahr ist Löb Emmy, die Klassenbeste. Gerade sie sitzt am Mittelgang. Wird sie sich dazu hergeben, den Zettel herüberzureidien? Sie tut es. Sie tut es vielleicht zum erstenmal in ihrem Leben. Etwas Ueberwältigendes muß sich ereignet haben. Nun ist der Zettel bei der blon den Mertens. Aber diese Bestie nimmt ihn nicht. Läßt ihn einfach vor sich auf dem Pult liegen, sieht geradeaus, dem Professor auf den Mund. Ich muß erst mit der Dunnitzer energisch wer den, ehe sie mir meinen Brief heriiber- gibt. Er enthält eine einzige Zeile: ,,WoIkan Luise hat ein \ erhältnis!“ Das war allerdings erschütternd. Es war gar nicht zu glauben. Vielleicht hatte die Wolkan bloß geflunkert, und die ändern waren ihr hereingefallen. Ich sah hinüber nach dem großen, schönen Mädchen, die allgemein für die Begabteste in der Klasse galt. Einmal hatte sie uns, Lutz und mir, erzählt, daß sie ein Drama geschrieben habe uncl Philosophie studieren wolle. Ja, es war noch manches an ihr, das uns imponierte: sie lud niemals eine von uns ein. kam manchmal mit dein Taxi zur Schule uncl konnte überhaupt bei nahe für erwachsen gelten. Und nun sollte sie sogar ein Verhältnis haben?! In der Pause standen wir alle um Helen Meier herum, denn sie war die Quelle der erschütternden Nachricht. Ihr \ etter Robert (einige von uns kannten clen flotten Mediziner) hatte die Wolkan mit einem Herrn in ein Hotel eintreten sehen. ..Ihr wißt, in ein Hotel, das in der Nacht so macht“ — Helen blinzelte, um zu zeigen, wie so ein Hotelschild in der Nacht auf glüht und erlischt —, „wo man nicht hineingeht, um zu schlafen, sondern . . . also mit einem Wort: in ein Stunden hotel. Uncl mein Vetter Robert sagt, wenn ein Mädchen mit einem Mann in ein solches Hctel geht, so isf das der mathematische Bew 7 eis dafür, daß sie mit ihm ein Verhältnis hat.“ „Aber wenn sie ein Kind bekommt!“ sagte meine Freundin Lutz. „Denkt doch mal: wenn sie jetzt schon in der Hoffnung w äre ... ?“ Aber Helen Meier sagte überlegen: „Mein Vetter Robert sagt, das ist ganz unwahrscheinlich, so eine kennt sich aus.“ Da sagte Martha Figdor, die Ilofrats- tochter: „Pfui!“, drehte sich um uncl ging. Und auch die ändern sagten, es sei wirklich ein Skandal, und natürlich könne man mit der W olkan nicht mehr verkehren. Zum Beispiel dürfe man sidi niemals mit ihr auf der Gasse zeigen, sonst sei man kompromittiert. Emmy Löb meinte, eigentlich müsse man es in der Direktion anzfeigen, uncl auch die Viertens uncl die Dunnitzer waren fürs Anzeigen, wir ändern aber fuhren ihnen übers Maul: das fehle uns noch, daß die Professoren ihre Nase auch in unsere Nachmitlage steckten, und Anzeigen sei auf alle f älle eine nieder trächtige Schweinerei. Sonst aber w aren wir alle eines Sinnes. Da kam die WWlkan vom Schuldiener, wo sie ein Heft gekauft hatte, sah unsern aufgeregten Knäuel und kam hinzu. „W r as ist denn los?“ fragte sie. Nie mand antwortete ihr. Sie wandte sich an Helen Meier: „Ist es ein solches Ge heimnis?" Aber Helen Meier sah sie von oben bis unten an, geradezu pracht- 46