Volltext Seite (XML)
jedesmal das Schauern ihrer von Scham und Furcht gepeinigten Glieder. Wie lange wir spielten, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß für mich nichts mehr war, als diese nackte, gequälte, von den Blicken der fremden Männer geschändete Frau, die zuletzt, wie in einer Hypnose, den Be wegungen meiner Hände folgte. ,Nun haben Sie verloren!* sagte der Pascha. Im seihen Augenblick tat er einen Zug. ,Gewonnen*, sagte er leise und höf lich, und ich sah, daß die Dame rettungs los umstellt war. Mit einem Röcheln, das mir direkt aus der Seele zu kommen schien, fiel ich lang auf das Schachbrett hin, die Figuren nach allen Seiten rechts und links beiseite schleudernd, und griff nach Evelyn. Aber im selben Augenblick wurde ich von den bewaffneten Dienern zurückgerissen, ich rang verzweifelt, um mich frei zu machen und sah nur noch, wie der Pascha die Kette, die an Evelyns nackten Armen be festigt war, ergriff und Evelyn wie ein gefangenes Tier mit sich schleifte. In diesem Augenblick fühlte ich, wie aus meinem Gehirn alles hinwegströmte. Ich wußte nichts mehr. Ich erwachte viele Stunden später in meinem Hotel. Evelyn war verschwunden. Ich lief zum englischen Konsul, zur arabischen Polizei, aber Sie wissen ja, wie wenig Gerechtigkeit drüben im Orient ver mag, wenn ein mächtiger Wille und Reichtum dagegen kämpfen. Man durch suchte das Landschloß des Paschas und fand niemanden darin als ein paar alte W achter. Der Pascha war abgereist, wo hin, wußte niemand zu sagen. Als ich aber eines Nachmittags in der Mouski Verschiedenes einkaufte, streifte mich plötzlich ein Fellah und ließ dicht vor mir einen Zettel fallen. ,Für dich, o chawage*, sagte er leise und war im selben Augenblick im Gewühl der Mouski verschwunden. Ich hob den Zettel auf und las in Arabisch folgendes: ,Wenn Sie die weiße Dame noch haben wollen, so gehen Sie heute abend in die Sharia el Beri in das Haus des Levantiners Paradias.* Ein Grauen floß mir durch Herz und Gehirn, denn wir alle wissen, was es be deutet, wenn eine Frau in der W’asa lan det und noch dazu in den Händen eines dieser levantinischen Schurken. Ich kann Ihnen nicht viel sagen. Ich ging am Abend hin und sah von ferne Evelyn. Sie war zerstört, verwüstet von allen Krank heiten und Lastern des Orients. Ich sah sie nackt tanzen vor Fcllahs und Farbigen. Sie hat mich nicht gesehen, und das war vielleicht die letzte Gnade, die das Schick sal ihr erweisen konnte. Ich reiste am kommenden Morgen ah, aber nicht nach Oberägypten. Ich floh aus Ägypten und werde nie wieder dorthin gehen.“ — „Und Evelyn,“ fragte ich nach einer langen Pause, „warum haben Sie nicht versucht, Evelyn zu retten?“ „Zu retten? Aber Sie wissen doch seihst, daß aus den Tiefen des Orients niemand gerettet werden kann. Es bleibt nur eins: nicht selbst zu versinken.“ Wir schwiegen beide. Von dem kleinen Messingkocher her brodelte der Duft des arabischen Kaffees und des schweren Ambras. Die Stille im Zimmer war furchtbar. Da stand K. auf, ging zum Fenster und öffnete es. Regen stürzte herein, Sturm und kräftige Kühle der nordischen Nacht.