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Glas Tee reichte. Der Diener war ver schwunden, und ich stand auf, um das seltsame Schachbrett in der Ecke der Halle zu mustern. Da fiel es mir auf, daß alle Figuren vorhanden waren, mit Ausnahme der weißen Dame. In diesem Augenblick hörte ich hinter mir Tritte; icli wandte mich um, und der Pascha in arabischer Kleidung stand vor mir. Sein braunes, edles Gesicht sah unter dem weißen Turban unbeweglich schön, aber schrecklich aus. ■Sie bewundern mein Schachbrett', sagte er mit leiser, höflicher Stimme. ,Ich freue mich darüber, denn ich habe es mir eben erst anfertigen lassen, und es scheint mir gut gelungen. Finden Sie nicht?' ,Ich finde es außerordentlich inter essant, aber warum haben Sie die Fi guren so groß machen lassen, und wo ist die weiße Dame?' Der Araber sah mir mit unbeschreib lichem Hohn in die Augen. ,Die weiße Dame? — Sie wird sofort hier sein.' Er klatschte dreimal in die Hände. Der Vorhang mir gegenüber an der Tür wurde beiseite geschlagen — mir erstarrte vor Grauen das Herz in der Brust: ein Neger führte an einer Kette eine nackte Frau herein — Evelyn! — Mit einem Schrei, den ich noch heute in meinen Ohren höre, wollte ich auf sie zustürzen, aber schon stand vor mir eine Reihe von Arabern, mit Dolchen, die geradeswegs auf mich gerichtet waren. Durch diese Reihe hin durch sah ich Evelyns nackten, zarten Körper, sah, wie ihr Tränen der Scham und Furcht über das geneigte Gesicht flössen. Ich stand, ohnmächtig, zu ihr zu gelangen, ohnmächtig, ihr zu helfen. Denn bei jeder Bewegung, die icli machte, streckten sich mir die Dolchspitzen der arabischen Diener entgegen. So stand sie gefesselt diesseits, ich, wenn auch frei, gleichfalls gefesselt jen seits der schrecklichen Mauer. Der Pascha lächelte. Niemals, und wenn ich tausend und aber tausend Jahre alt würde, werde ich dieses Lächeln vergessen, in dem die ganze grausame Tiefe des Orients beschlossen lag. .Haben Sie nicht die weiße Dame ge wünscht?' fragte der Pascha, und seine Stimme klang so ruhig und höflich, als ob er vom Weller spräche. .Hier ist sie nun, wir können unser Spiel beginnen. Gewinnen Sie, so gehört die Dame Ihnen, gewinne ich — nun —‘ Er machte eine zupackende und schließende Bewegung mit der Hand. Ich stand einen Augenblick wie betäubt von diesem teuflischen Verlangen. Da sah ich, wie Evelyn, fast ohnmächtig vor Scham und Schmerz, in die Knie brechen wollte, aber der Diener, der sie an der Kette hielt, riß sie wieder in die Höhe. Und halb gezerrt, halb gehend, stand sie plötzlich auf dem Schachbrett am Platz der weißen Dame. Da sah ich, daß keine Rettung mehr war als durch mich selbst. Tau melnd, wie ein Betrunkener, ging ich zu dem Schachbrett, um dessen äußere Kon turen kleine arabische Hocker gestellt waren. ,Nehmen Sie Weiß', sagte der Pascha und setzte sich mir gegenüber. Das Spiel begann, und ich sah bald, daß der Pascha mir im Spiel überlegen war, um so mehr, als er gezügelt war von der Kälte der Rache, ich aber verwirrt von dem Schmerz der Leidenschaft und der Ohnmacht. Vergeblich versuchte ich, Evelyn zu schützen. Ich mußte ihren süßen, nackten, zitternden Körper bald hierhin, bald dorthin schieben und fühlte 8 65